Körper lich überfordert

Mardi 18 août 2015

Viele Rekruten scheitern bei den Fitness tests, deshalb wird die Rekrutierungsprozedur überarbeitet

Im April wurden 40 freiwillige Soldaten vereidigt.

Im April wurden 40 freiwillige Soldaten vereidigt.

Die Luxemburger Armee hat seit Jahren ein Rekrutierungsproblem. Das Interesse am Militärdienst ist nach wie vor groß, allerdings scheitern immer mehr junge Menschen an den sportlichen Tests. Staatssekretärin Francine Closener spricht von der Playstation-Generation: die Leistungsfähigkeit der jungen Kandidaten ist derart schlecht, dass sie bereits beim sportlichen Eignungstest Verletzungen davontragen. Die Regierung plant nun die Überarbeitung der Rekrutierungsprozedur und die Einführung eines „Cours préparatoire“ im Ettelbrücker Lycée technique. 

Die Armee rekrutiert dreimal pro Jahr. 1 300 Kandidaten haben sich in diesem Jahr zu den Tests angemeldet. Nur ein Bruchteil wird nach der viermonatigen Grundausbildung als freiwilliger Soldat vereidigt. Einige tauchen gar nicht zu den Tests auf, andere scheitern an der Disziplin bzw. dem Gehorsam, weil sie dem ungewohnt strengen Lebensrhythmus nicht standhalten.

Seit einigen Jahren beobachten die Verantwortlichen aber auch ein neues Phänomen. Viele Kandidaten sind in einer erstaunlich schlechten körperlichen Verfassung. Sie erscheinen unvorbereitet und untrainiert zum Test. Viele tragen während der Testphase oder der Grundausbildung Verletzungen davon und sind dann dienstuntauglich. Dabei scheinen die Tests auf den ersten Blick selbst für Untrainierte alles andere als unüberwindbar. Auf dem Programm stehen Ballwerfen, Sit-ups, Push-ups, Weitsprung und Laufen (Sprint: 24 m, Ausdauer: 2 400 m).

„Die Armee muss diesem neuen Phänomen Rechnung tragen“, sagt die zuständige Staatssekretärin Francine Closener im LW-Interview. Das „Luxembourg Institute of Health“ (früher CRP Santé) wurde mit einer Studie der Verletzungsarten beauftragt. Die Ergebnisse sollen voraussichtlich im November vorliegen. Mit Hilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse werden die Fitnesstests angepasst. Dabei geht es, wie Francine Closener erklärt, nicht darum, den Schwierigkeitsgrad herunterzuschrauben, sondern die Leistungsfähigkeit der Kandidaten zu berücksichtigen und stufenweise zu steigern, um Erschöpfungserscheinungen und Verletzungen zu vermeiden. Auch die theoretischen Prüfungen (Mathematik, Deutsch, Luxemburgisch und Französisch) werden in ihrer Form der heutigen Zeit angepasst, am Schwierigkeitsgrad soll sich aber auch hier nichts ändern.

Darüber hinaus will man künftig mehr auf Potenzialerkennung setzen, durch systematische psychologische Tests. So könnten Kandidaten, die beispielsweise bei den theoretischen Tests die erforderliche Punktzahl knapp verfehlt haben, aufgrund ihres Potenzials dennoch in den Militärdienst aufgenommen werden.

Pilotprojekt „Cours préparatoire“

Geplant ist auch die Schaffung, ab der Rentrée 2016/17, eines „Cours préparatoire“ im Ettelbrücker Lycée technique, wo bekannterweise die Militärschule angesiedelt ist. Dieser Vorbereitungskurs soll als Brücke dienen für die, die sich für den Militärdienst interessieren, das Mindestalter von 18 Jahren aber noch nicht erreicht haben. Ein solcher Kurs könnte auch Schulabbrecher auffangen, die dem regulären Schulsystem den Rücken kehren. Da Schulabbrecher möglichst schnell eine Alternative brauchen, soll der Einstieg in den „Cours préparatoire“ zu verschiedenen Zeitpunkten möglich sein. „Während der Ausbildung kommt niemand mit Waffen in Kontakt. Es geht lediglich darum, den Schülern aufzuzeigen, was es mit dem Militärdienst auf sich hat und sie auf die theoretischen und die sportlichen Prüfungen vorzubereiten“, so Closener.

Weniger Ausfälle

Mit der neuen Rekrutierungsprozedur erhofft man sich weniger Ausfälle während der Testphase und der viermonatigen Grundausbildung. Ziel ist es, mindestens 150 Soldaten pro Jahr zu rekrutieren.

Um den jungen Menschen den Militärdienst schmackhaft zu machen, setzt die Armee zudem auf eine bessere Kommunikationspolitik über die beruflichen Vorteile, die der dreijährige freiwillige Militärdienst mit sich bringt. Fast alle Soldaten (85-90 Prozent) finden im Anschluss an den Militärdienst einen Job, sei es im öffentlichen Dienst oder im Privatsektor. Andere studieren oder gehen in die Berufsausbildung.

Obschon künftige Soldaten im Rahmen der Reform im öffentlichen Dienst ihre Exklusivrechte verlieren, werden sie auch weiterhin von Prioritätsrechten profitieren, z. B. im Gefängniswesen oder bei der Zollverwaltung. Prioritätsrechte erhalten die Soldaten auch für die hauptamtlichen Laufbahnen, die im Rettungswesen geschaffen werden. Pro Jahr beenden 120 Soldaten den Armeedienst. Viele wollen ihre berufliche Karriere beim Militär fortsetzen. Im Schnitt nehmen pro Jahr 20 Soldaten an den Examen zum Unteroffizier teil, allerdings sind nur halb so viele Posten frei.

VON MICHÈLE GANTENBEIN

Luxemburger Wort - FOTO: MARC HERMES

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