Rückzug von der Front

Jeudi 20 octobre 2016

Nach 30 Jahren als Kurator im Diekircher Militärmuseum tritt Roland Gaul nun in den Ruhestand

30 Jahre lang war Roland Gaul als Kurator das Gesicht des nationalen Militärmuseums in Diekirch. Ende des Monats zieht sich der 61-Jährige nun von der Front in den Ruhestand zurück. So ganz räumt Gaul das Schlachtfeld aber nicht. Kämpferherz bleibt eben Kämpferherz ...

„Anfangs hatte dieses Museum gegenüber allen anderen Kriegsmuseen im Norden einen herausragenden Vorteil: Wir hatten Platz im Übermaß“, lacht Roland Gaul während er durch die Ausstellungsräume des nationalen Militärmuseums in Diekirch spaziert, das angesichts seines Exponatenreichtums mittlerweile aus allen Nähten zu platzen droht.

Es ist das geradezu schmeichelnde Dilemma einer Erfolgsstory, an deren Wiege einst nicht viel mehr als die pure Sammelleidenschaft einiger Jugendlicher stand, die sich irgendwann in der Idee verbissen hatten, ihre angehäuften Fundstücke und Artefakte aus der Kriegszeit an einem gemeinsamen Ausstellungsort zu vereinen. Ein Traum, der 1984 in den Räumlichkeiten der alten Diekircher Brauerei im Bamertal Wirklichkeit werden sollte und Roland Gaul seither nicht mehr losgelassen hat.

Offiziersanwärter an der Militärschule in Brüssel, Ersatzlehrer, Sparkassenbeamter, Pressesprecher an der US-Botschaft und Mitarbeiter im Staatsministerium – Gaul hat in seinem Leben manchen Arbeitsplatz kennengelernt, doch keiner hat sein Herz je so gefesselt wie das Diekircher Militärmuseum, das er und seine ehrenamtlichen Mitstreiter zu einem wahren Kompetenzzentrum der Geschichtsforschung gemacht haben und dem er als Kurator und Direktor über drei Jahrzehnte ein Gesicht verliehen hat.

Vom Sammlertraum zum Kompetenzzentrum

War das Museum, das bis heute mit seiner Nachbildung historischer Kriegsszenen in großen Dioramen begeistert, zunächst ganz der Ardennenoffensive gewidmet, so weitete sich der Fokus im Laufe der Zeit stetig aus. Erst auf die Geschichte der Luxemburger Armee, der man in der Garnisonsstadt Diekirch natürlich besonders verbunden ist, und letztlich auf das Wirken der Luxemburger „Anciens combattants“ auf den verschiedensten Kriegsschauplätzen der Welt, von Verdun bis Korea.

„Was dieses Museum mit Blick auf die Ardennenoffensive jedoch seit der ersten Stunde ausgemacht hat, ist der unverfärbte Blick auf die Kriegsgeschichte beider Seiten, auf die menschlichen Schicksale, die Angst und das Leid dies- wie jenseits der Frontlinien“, betont Roland Gaul. „In der Todesangst des amerikanischen GIs, des Wehrmachtsoldaten und des Zivilisten spiegelt sich letzten Endes schließlich das gleiche, grausame Gesicht des Krieges.“

Die persönlichen Erlebnisse unzähliger Veteranen, die das Museum seit seinen Anfängen bei der Rückkehr zu den Kriegsschauplätzen in den Ardennen begleitet hat, füllen inzwischen denn auch ein Archiv von beachtlichem Ausmaß und höchster Bedeutung für das kollektive Gedächtnis des Landes. Zugleich wurden hier, aber auch, ob bei Besuchen oder Gedenkfeiern, so manche Kriegsgegner von früher zusammengeführt.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Roland Gaul dabei aber ein US-Veteran, den er einst nach Echternach begleitet hatte. „Der Mann zeigte uns ein Haus, in dem er sich während der Offensive mit seiner Einheit verschanzt hatte, bis er sich nach intensivem Verteidigungskampf schließlich hatte ergeben müssen. Eine Begegnung, die Jahre später jedoch verblüffende Folgen zeitigen sollte, als mir ein deutscher Kriegsveteran rein zufällig genau das gleiche Szenario schilderte. Nur aus umgekehrter Perspektive.“

Ein geradezu unglaublicher Zufall, durch den sich nun zwei Menschen kennenlernten, die sich einst direkt mit der Waffe gegenübergestanden hatten. „Ich sehe noch, wie sich die beiden zunächst einfach nur kurz die Hand gaben, sich dann aber ohne Worte in die Arme fielen. Für Sekunden, die wie Stunden wirkten.“

Abschied von Leidenschaften gibt es nicht 

Eine von so vielen Erinnerungen und Anekdoten, die Roland Gaul nach mehr als 30 Jahren Museumsleitung nun Ende Oktober mit in den wohlverdienten Ruhestand nimmt. Trotz des Rückzugs von der Front bleibt er dem Militärmuseum aber als erfahrener ehrenamtlicher Mitarbeiter erhalten. Ja, der leidenschaftliche Kampf um die Wahrung des Gedenkens könnte sich für den angehenden Veteranen gar noch intensivieren.

Mit seiner Gattin Silvia will sich Roland Gaul nämlich fortan ganz in den Dienst geschichtsbewusster Touristen stellen, denen sie mittels ihrer eigenen Reiseagentur gezielt Urlaubstouren rund um die Luxemburger Kriegsgeschichte anbieten. „Das Vorhaben läuft derzeit schon ganz gut und auch die Fremdenverkehrsbranche hierzulande hat das Potenzial des ,Battleground‘-Tourismus inzwischen erkannt“, meint Gaul. Auf den Spuren der Geschichte ist Ruhestand eben ein Fremdwort ...
 

Luxemburger Wort - VON JOHN LAMBERTY

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