Alle für einen

Samedi 08 avril 2017

Im Norden Polens probt die NATO den Ernstfall

Die Landschaft Masurens ist idyllisch. Sanfte Hügel, mächtige dunkle Wälder, unzählige Seen prägen das ehemalige Ostpreußen. Ein Paradies für stadtmüde Urlauber, wo Biber Dämme bauen und Störche Kreise ziehen.

Nicht nur Naturliebhaber wollen in den weiten Norden Polens. Die Soldaten der US-Army, die dort mit ihren Stryker-Panzern uralte Baumalleen durchqueren, halten weder nach Elchen, noch nach Bären Ausschau, sie sehen vor allem eines: Probleme.

Masuren, die „grüne Lunge Polens“, ist schwieriges Terrain. Nicht nur wegen der viertausend Seen und unzähliger Sümpfe, sondern vor allem wegen der Nähe zu Russland und der strategisch wichtigen Suwalki-Lücke. Dieser etwa 100 Kilometer breite Grenzkorridor zwischen Polen und dem Baltikum gilt als die „Achillesferse“ der NATO. Für Russland wäre es im Ernstfall ein Leichtes, diese Verbindung zwischen Polen und den baltischen Staaten zu kappen. NATO-Bataillone an Polens Nordgrenze, in Litauen, Lettland und Estland sollen eine weitere Aggression wie in der Ostukraine verhindern.

2014, ein paar Monte nach der russischen Annexion der Krim-Halbinsel, beschlossen die 28 Staaten der Nordatlantikpakt-Organisation bei ihrem Gipfeltreffen in Wales die Aufstellung einer schnellen Eingreiftruppe. Innerhalb weniger Tage sollte sie an jedem Punkt des Bündnisgebiets einsetzbar sein. Die Botschaft von Wales lautete: Zusicherung (engl. „assurance“). Zwei Jahre später ist der Ton um einiges schärfer geworden. 2016, beim Gipfeltreffen in Warschau, geht es nicht nur um die Zusicherung der Bündnistreue, um die östlichen Mitgliedsländer zu beruhigen, es geht um Abschreckung (engl. „deterrence“). Die Alliierten wollen zeigen, dass sie nicht nur auf dem Papier zusammen stehen, sondern auch bei einem möglichen Ernstfall. Zum Beweis dieser Entschlusskraft wurde je ein Bataillon nach Polen, Litauen, Lettland und Estland entsendet. Die USA führen den multinationalen Verband in Polen, und stellen auch den Großteil des Bataillons. Die anderen drei Einheiten werden von Deutschland, Großbritannien und Kanada angeführt.

Luxemburg schickt 22 Soldaten

Auch Luxemburg nimmt an dem Einsatz teil. Im Juli dieses Jahres wird ein Kontingent von 22 Soldaten vom „Härebierg“ nach Litauen aufbrechen, um dort bei Rukla, etwa 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, in die von Deutschland geführte Kampfgruppe eingegliedert zu werden.

Sechs Monate sollen die Soldaten an ihrem Einsatzziel bleiben. Ausdrücklich betonen NATO-Experten, dass es sich dabei nicht um ein Manöver, sondern um eine „Mission“ handelt. Der Einsatz hat einen Haken: Eigentlich widerspricht diese Stationierung von Truppen der NATO-Russland-Grundakte von 1997. Der Westen behilft sich mit dem Kniff der Rotation. Da die Truppen nicht dauerhaft bleiben, spricht man nicht von einer Stationierung, sondern von einer Art „verlängertem Besuch“.

„Säbelrasseln und Kriegsgeheul“

Nicht allen westlichen Politikern gefällt die neue Wachsamkeit des Bündnisses an seiner Ostgrenze. Deutschlands damaliger Außenminister Frank-Walter Steinmeier spricht kurz vor dem Warschau-Gipfel von „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“. Moskau reagiert irritiert und kritisiert die „Umzingelung“.

Die Antwort der NATO gegenüber Russland hat einen Namen: „Enhanced Forward Presence“ (EFP). Zum Kernkonzept dieser „Vorwärts“-Präsenz zählen die „NATO Force Integration Units“, (NFIU), Stabszellen mit jeweils 42 Offizieren, die zur Hälfte vom Gastland gestellt werden.

Die polnische Stabszelle befindet sich in Bydgoszcz, im Zentrum des Landes. „Es gibt noch kein Schengen für die NATO“, erklärt ihr Kommandant, Oberst Artur Bogowicz. Um US-Truppen von Deutschland nach Polen zu verlegen, braucht es mehrere Tage, bis die Erlaubnis zur Benutzung ziviler Straßen bereit ist. Aufgabe der „Integration Units“ ist vor allen, für den schnellen und reibungslosen Ablauf der Truppenverlegung zu sorgen.

Deren erste Phase ist soweit abgeschlossen. Die rund 1 300 Mann starke multinationale Kampfgruppe hat sich in Orzysz eingerichtet. Dass die polnische Garnisonsstadt jahrzehntelang in der Sowjetzeit als eine gefürchtete Strafkolonie für Soldaten diente, stört sie nicht. Die Zeiten haben sich geändert, und Orzysz sieht sich heute gerne als „militärische Hauptstadt Polens“. Die Ortschaft und ihre 5 000 Bewohner setzen viel Hoffnung in die NATO-Soldaten. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent, und so mancher Restaurantbesitzer erwartet sich neue Kundschaft.

Die von der langen Fahrt von der bayerischen Basis Vilseck aus verstaubten Stryker-Radpanzer des 2. US-Kavallerieregiments werden auf Vordermann gebracht. Für den 13. April hat sich hoher Besuch angekündigt: NATO-Oberbefehlshaber General Curtis Scaparrotti will dann den Einsatzort inspizieren und damit zeigen, dass die Allianz doch nicht so „obsolet“ ist, wie sie der neue US-Präsident kurz vor Amtsantritt bezeichnet hat.

 













Ein weiter Weg nach Polen

„Abschreckung“ heißt der Auftrag des 2. US-Kavallerieregiments bei seiner Mission am Rand des NATO-Gebiets

Auf ihrem Gipfel in Warschau im Sommer 2016 beschloss die NATO die Aufstellung von je einer 1 000 Mann starken Kampfgruppe in Estland, Lettland, Litauen und Polen: Die Operation „Enhanced Forward Presence“.

Der Gipfelbeschluss bedeutet für die US-Army, die die Führungsrolle für das NATO-Bataillon in Polen übernommen hat, eine beträchtliche organisatorische Herausforderung. 1 000 Soldaten und fast hundert Militärfahrzeuge mussten die 1 200 Kilometer weite Strecke von Bayern in den Norden Polens zurücklegen. Mit der Ausführung des Gipfel-Auftrags wurde die 2. Schwadron des 2. US-Kavallerieregiments in den Rose Barracks im oberfränkischen Vilseck beauftragt. Das schon 1836 gegründete 2. US-Kavallerieregiment ist die älteste, und zugleich eine der erfahrensten Einheiten der US-Armee. Gemeinsam mit 150 britischen Aufklärern und 120 rumänischen Flugabwehr-Schützen stellen die Soldaten der US-Army das erste Kontingent für die Stärkung der NATO-Ostflanke. An ihrem Ankunftsort am Truppenübungsplatz im polnischen Orzysz sind sie für die Dauer ihrer Mission in eine polnische Brigade integriert. Sechs Monate soll der Auftrag dauern. Im kommenden Herbst wird die 2. Schwadron abgelöst. Ihr Material, davon etwa 80 Stryker-Radpanzer, werden die Dragoner wieder mit nach Vilseck nehmen. Der Transport gehört zum Training der Soldaten, bei dem es vor allem um einen möglichst schnellen Einsatz geht.

Befehligt wird die US-Kampftruppe von Oberstleutnant Steven Gventer. „Es geht um Glaubwürdigkeit“, beschreibt der Offizier den Einsatz. Abschreckung heißt der Auftrag. Kaliningrad sehen, das erwartet er nicht.

Übung am polnischen Stützpunkt Orzysz (o. r. u. l.),

Auf ihren Zwischenetappen zum Einsatzort präsentierten die britischen und die US-Soldaten ihre Fahrzeuge – zur Begeisterung der Schulklassen. (u. l.)

Lieutenant Colonel Steven Gventer befehligt die 2. Schwadron des 2. US-Kavallerieregiments, dessen Devise: „Toujours Prêt“ lautet.

 


Die Achillesferse der NATO

Die Suwalki-Lücke ist der potenziell explosivste Punkt in Europa

Die NATO rüstet an ihrer Ostflanke auf. Ein Blick auf die Landkarte macht deutlich, warum. Zwischen der Ostsee-Exklave Kaliningrad im Norden und Weißrussland im Süden befindet sich ein enger Korridor, der Polen und Litauen miteinander verbindet. Weißrussland ist ein enger Verbündeter Moskaus.

Diese sogenannte Suwalki-Lücke ist nur 100 Kilometer breit und gilt unter NATO-Strategen als der potenziell explosivste Punkt in Europa. Beschuss droht aus zwei Richtungen. Im Falle einer Eskalation könnte Russland das Gebiet besetzen, um die baltischen Staaten von der Verbindung nach Polen zu abzuschneiden. Nicht ohne Grund hat die NATO eine ihrer „Battle Groups“ nach Orzysz, an Polens Nordgrenze unweit von Kaliningrad, verlegt.

Unwegsames Gelände

Die Suwalki-Lücke ist ein unwegsames Gelände, mit zahlreichen Seen und Mooren. Schwer zu verteidigen, schwer zu erobern. Wer allerdings die beiden Straßen, die durch das Gebiet verlaufen, kontrolliert, besitzt einen gewaltigen Vorteil.

Durch die Suwalki-Lücke müssten das militärische Gerät und der Nachschub transportiert werden, um die baltischen Staaten im Ernstfall zu verteidigen. Für Russland wäre es ein Leichtes, diese Verbindung zu kappen. Um ins Baltikum zu gelangen, hätten die Verbündeten allenfalls zwischen 36 und 60 Stunden Zeit, bevor die russischen Truppen die estnischen und lettischen Hauptstädte Tallinn und Riga einnehmen würden.

Zu diesem Ergebnis kam kürzlich eine aufwendige Simulationsstudie des renommierten US-Thinktanks RAND. Für die 1 300 Infanterie-Soldaten, die in Orzysz ihre sechsmonatige Mission erfüllen, ehe sie von einem neuen Bataillon abgelöst werden, könnte es eines Tages brenzlig werden.

Laut dem düsteren Szenario der RAND-Studie bliebe ihnen im Fall eines militärischen Konflikts nicht einmal Zeit für einen Rückzug. Gegen die zahlenmäßig überlegenen Panzerverbände Russlands hätten sie keine Chance. Hoffnung von der Seeseite gäbe es auch nicht, da die Ostsee für Kriegsschiffe wegen der hochgerüstete Hafengarnison Kaliningrad blockiert wäre.

So bleibt den NATO-Truppen nahe am „Suwalki-Gap“ nur die Hoffnung auf Abschreckung. Ihre Präsenz sendet das Signal aus, dass jeder, der das Gebiet jeder baltischen Staaten angreift, auch auf Soldaten der Verbündeten schießen müsste.

Erinnerung an den „Fulda-Gap“

Die Bezeichnung „Suwalki-Lücke“ für den Schwachpunkt stammt von NATO-Strategen und soll bewusst an den „Fulda Gap“ des Kalten Krieges erinnern. So nannten die US-Streitkräfte das Gebiet bei Fulda in Osthessen nahe der Grenze zur DDR: Strategen gingen davon aus, dass die Armeen des Warschauer Pakts im Westen Thüringens – dem sogenannten Thüringer Balkon – aufmarschieren, die Grenze in Richtung Fulda durchbrechen und durch das vergleichsweise flache Gelände und die kurze Strecke zwischen den Mittelgebirgen innerhalb von zwei Tagen bis zum Rhein-Main-Gebiet vorstoßen könnten. Auch die Sowjetarmeen kannten die geografische Schwäche: In der DDR wurde der „Fulda Gap“ Thüringer Balkon genannt. pley

Artikel 5: Der Bündnisfall

Artikel 5 des Bündnisvertrages verpflichtet die 28 Mitgliedsländer zu gegenseitigem Beistand im Falle eines „bewaffneten Angriffs“. Seit Gründung der NATO 1949 kam Artikel 5 nur einmal zur Anwendung. Das war am 12. September 2001, nach den Terroranschlägen des Vortags in den USA.

 













Luxemburger Wort

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