Feldherr der Vergangenheit

Mercredi 02 août 2017

Die nachgestellten Kriegsszenen beeindrucken nach wie vor das Publikum

Eigentlich ist Benoît Niederkorn ein glücklicher Mensch. Er hat nicht nur die Verantwortung für das Diekircher Militärmuseum übernommen, das ganz besonders das Andenken an den Zweiten Weltkrieg und die RundstedtOffensive pflegt, er hat damit auch seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Bereits beim Studium in Freiburg galt sein Interesse vor allem der Militärgeschichte. Auch beim Studium der Archäologie ging sein Blick in Richtung Festungsanlagen. Seine Abschlussarbeit für das Bachelor-Studium handelte von den Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg, beim Master-Studium versuchte er, herauszufinden, wie die Truppen von Kaiserin Maria Theresia (sie herrschte von 1740 bis 1780 über Luxemburg) hierzulande untergebracht waren.

Ein Praktikum im Museum, bei dem er den Grundstein für eine Datenbank legte, brachte ihm erste praktische Erfahrungen – und offensichtlich auch schon die richtige Voraussetzung für seinen aktuellen Job. Kein Wunder, dass er jedem Studenten das Gleiche empfiehlt. „Wer sich für diese Materie interessiert, sollte nicht zögern, ein punktuelles Projekt einzureichen und hier ein Praktikum zu machen. Wir können zwar nichts bezahlen, aber die Erfahrung lohnt sich – und sie kann später ein Zusatz in einem Studien und Lebenslauf sein“, weiß der Historiker.

Der riesige Bestand, der in den letzten 30 Jahren gesammelt wurde, muss wissenschaftlich aufgearbeitet werden

Aufholarbeit

Zusätzliche Hilfe und Helfer kann das Museum gut gebrauchen. Es hat bislang noch keinen Katalog über seine Exponate erstellt, es hat ein riesiges Archiv, das ausgewertet werden muss, und es besitzt wertvolle Zeugenaussagen aus der damaligen Zeit, die weiterverarbeitet werden müssen, um den heutigen Anforderungen gerecht zu werden.

Damit sind wir in unserem Gespräch bei den Herausforderungen angekommen, die Benoît Niederkorn erwarten. Er soll das Archiv des Museums aufbauen, die riesigen Bestände neu strukturieren und ein Inventar erstellen. Um ihm die Arbeit zu vereinfachen, wird das Museum ausgebaut, sodass auf zusätzlich 2.000 m2 weitere Räumlichkeiten zur Verfügung stehen.

Mit knapp 29 Jahren tritt Niederkorn in riesige Fußstapfen: Seine Vorgänger, allen voran der Initiator und langjährige Betreiber des Museums, Roland Gaul, haben in fast 50 Jahren wahre Schätze zusammengetragen. Sie alle haben eine Geschichte, die niedergeschrieben werden muss, um sie zu wahren bzw. in Szene zu setzen.

Mit den nachgestellten Kriegsdarstellungen, in denen das Museum die Kämpfe der Rundstedt-Offensive anschaulich nachbildet, wurde seinerzeit ein Konzept entwickelt, das bis heute Bestand hat. „Die Kinder und auch die Erwachsenen sind nach wie vor fasziniert, fühlen sich regelrecht in das Kampfgeschehen hineinversetzt“, sagt Niederkorn. An diesen Szenen will er deshalb vorerst nichts ver- ändern. Modernisieren will er jedoch die beeindruckende Ausstellung von Militärfahrzeugen und Kriegszubehör, die dicht zusammengedrängt im ersten Stockwerk des Museums stehen. Sie sind alle in hervorragendem Zustand. „Benzin rein und losfahren“, sagt der junge Verantwortliche und verweist erneut auf die Gewissenhaftigkeit der Museumsgründer, die sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellten und die gesammelten Stücke gewissenhaft renovierten.

Noch heute kann das Museum auf diesen hohen persönlichen Einsatz nicht verzichten. Sein Bestand wird von freiwilligen Helfern, darunter sehr viele junge Leute zwischen 16 und 30 Jahren, gewissenhaft instand gehalten. Dabei gelten für die Waffen die gleichen Vorschriften wie für die Autos oder die Tanks: Sie müssen funktionstüchtig sein. Das bedeutet, dass sie regelmäßig geölt werden.

Einen 40-Stunden-Job hat sich Benoît Niederkorn somit offensichtlich nicht ausgesucht. An der Spitze einer knapp vierköpfigen Belegschaft muss er von der Registrierung der Stücke über die Ausrichtung der Exponate bis zur Führung durch das Museum alles im Griff haben. Er selbst ist ziviler Mitarbeiter der Armee und steht als solcher dem Museum als Konservator vor. Ihm zur Seite steht der Geschichtslehrer Philippe Victor, dessen Posten vom Kulturministerium finanziert wird und der den Auftrag hat, die pädagogische und museale Arbeit auszurichten. Ein Hausmeister kümmert sich um die Instandhaltung der Räumlichkeiten. Das Personal an der Kasse, das an sechs Tagen im Dienst ist, wird von der Gemeinde zur Verfügung gestellt.

Rund 26.000 Besucher empfängt das Museum jedes Jahr. Den Großteil, rund 9.000, bilden die Niederländer, die nach wie vor auf den luxemburgischen Zeltplätzen Urlaub machen. Unter ihnen sind viele Stammgäste, die von Jahr zu Jahr wiederkommen. Briten und Amerikaner interessieren sich im Zusammenhang mit historischen Reisen zu den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges ebenfalls für das Museum, genau wie die Kinder, die häufig nach dem Schulausflug nochmals mit den Eltern oder Großeltern wiederkommen.

„Manchmal sind dann noch Zeitzeugen dabei“, sagt Niederkorn reflexartig und spricht das nächste Thema an, das er in Angriff nehmen will: die Geschichte der Luxemburger Soldaten, die gleich nach dem Krieg in Deutschland, vorrangig in Bitburg, stationiert waren. „Diese Geschichte ist noch nicht aufgearbeitet.“ Und so geht auch die Arbeit nicht aus.

Claude Wolf, Fotos: Editpress/Fabrizio Pizzolante

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