Geschichte erhalten

Lundi 24 avril 2017

Das Militärhistorische Museum in Diekirch bleibt bei seiner Aufgabe - auch mit neuem Kurator

In der Zeit der Ardennenschlacht im Winter 1944 und 1945 spielten sich Geschehnisse auf dem Gebiet des Großherzogtums ab, die nie dagewesen waren. War der Krieg zuvor relativ spurlos vorüber gegangen, so meldete er sich im Rahmen der Rundstedt-Offensive mit voller Härte zurück. Dem Erhalt der gesammelten Erfahrungen und Zeitzeugen hat sich das Militärmuseum in Diekirch (MNHM) verschrieben, das bereits 1984 seine Pforten geöffnet hat und das derzeit sein Konzept erneuern will. Nicht nur, dass die Räumlichkeiten ausgebaut werden sollen, die gesamte Ausstellung soll einer Frischzellenkur unterworfen werden. Ein Interview mit dem seit Anfang Januar 2017 neuen Konservator und Kurator des MNHM, Benoît Niederkorn.

Modernisierung des Historisierten

„Wir wollen eine Lernfunktion erfüllen und unser gesamtes gesammeltes Wissen vermitteln“, erklärt der diplomierte Historiker. „In unserem neuen Konzept wollen wir Audiovisuelles zusammen mit den Exponaten verbinden“. Das sei aber komplex, weil die pädagogischen Grundlagen nicht zu den Stärken eines Museums gehören dürften. „Daher ist es gut, dass wir die richtigen Fachleute haben, die uns diese Inhalte erarbeiten können“, meint der Kurator weiter.

„Unsere größte Sorge: Nur die wenigsten Besucher haben noch wirklich eine Kenntnis der Materie und der historischen Zusammenhänge“. Diesem Wissensdefizit könne man nur mit einem neu bedachten Konzept auf die Sprünge helfen. „Das Museum hat jetzt 30 Jahre auf dem Buckel. Wir müssen die Ausstellung allmählich an die neuen Gegebenheiten anpassen“, erklärt der Kurator.

„Wir haben natürlich besonders Schulklassen stark im Blick und kommen diesem Lehrpotenzial mit persönlichen Führungen nach. Unsere Mitarbeiter haben auch alternative Lehrmethoden entwickelt, um den Museumsbesuch interaktiver zu gestalten“, lobt Niederkorn die Arbeit. „Zum Beispiel mit einer Schnitzeljagd nach Detailfotos von Material, aber auch mit Audio-Aufnahmen unserer Zeitzeugen - das kommt besonders bei Schülern sehr gut an, weil es die Geschichte besser begreifbar macht“.

Das eindeutige Herzstück des Museums, das auch in Zukunft nicht fehlen soll, seien die großen Dioramen. Diese sind besonders durch die Arbeit mit Zeitzeugen sehr authentisch, wie Niederkorn erklärt: „Das ging von Direktor Roland Gaul aus, der Veteranen in Amerika und Deutschland angeschrieben hat, um eine möglichst authentische Rekreation zu ermöglichen. Mit Videointerviews und Tonaufnahmen haben sie sich so einen gewaltigen Schatz an Zeitzeugenaussagen erstellt. Unter anderem auch, um die Dioramen im Museum möglichst genau nachzuahmen“. Diese Aufnahmen gelte es nun, mit den bestehenden Exponaten zu verbinden. „Das ist für uns besonders, das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, betont der Kurator. „Diese Seele des Museums erhalten, aber modern lehren und Wissen vermitteln - das ist unser Ziel“

Empfindlicher Schatz

Die größte Stärke des Museums ist damit aber zugleich sein Sorgenkind: „Viele der Zeitzeugen-Aufnahmen wurden auf Tonband oder Film aufgenommen, die mit der Zeit an Qualität abnehmen und mittlerweile fast unbrauchbar werden. Wir sind deshalb dabei, alles zu digitalisieren“, erklärt er.

Dafür setzt man auf die Arbeit von freiwilligen Mitarbeitern - viele darunter selbst Geschichtsstudenten, die eine „Umbruchstimmung“ im Museum wittern, wie Niederkorn meint. Deren Arbeit sei quasi unbezahlbar: „Ohne Freiwilligenarbeit geht hier gar nichts“, erklärt er. Unter der Woche arbeiten so knapp 15 Freiwillige Mitarbeiter in dem Militärmuseum - und digitalisieren alte Aufnahmen, schneiden Inhalte zusammen oder räumen sogar einfach nur im Archiv auf. „Wertvolle Arbeit, ohne die das Museum keineswegs auskommen könnte - dafür ist einfach zu viel Material vorhanden“, meint Niederkorn. Anders kämen die beiden fest angestellten Mitarbeiter nicht zurecht.

Man wolle aber auch die bestehenden Aufnahmen durch neue Inhalte erweitern. „Eines unserer Projekte ist zum Beispiel, die Geschichte der Stationierung in Bitburg bis 1955 mit Interviews festzuhalten“, erklärt der Kurator. „Da haben wir schon jetzt sehr viel Filmmaterial, daraus könnte man sogar fast einen Dokumentarfilm drehen“, lacht er. Jede Menge Material, also.

Vergangenheitsbewältigung

Ein Blick hinter die Kulissen verrät auch: Übertrieben hat der Kurator nicht, wenn er von einem Berg Arbeit spricht. Im Gegenteil, das Archiv quillt förmlich über - und es wächst: „Wir kriegen immer noch neues Zeug, praktisch monatlich. Meist von Angehörigen eines Verstorbenen, der viel Material gesammelt hat. Manchmal sind sogar noch Bodenfunde dabei“, erklärt der Kurator, was jedoch eher selten vorkomme. „Die ,Fetten Jahre‘, als wirklich kistenweise Material gefunden wurden, sind jedoch eindeutig vorbei“. Wünschenswert, ist doch jetzt bereits kaum Platz. Abhilfe schaffen sollen die neuen Archivräume, die derzeit bei der Erweiterung geplant sind.

Weggeben möchte man das Material aber nicht: „Wir tauschen zwar mit anderen Museen oder geben Material an Filmproduktionen weiter. Aber weggeben kommt nicht in die Tüte“, meint Niederkorn. Ein Geschäft sieht er da nicht: „ Wir wollen lediglich das Geschehene erhalten - dazu gehört auch, das entsprechende Material zu erhalten“, betont Niederkorn. „Zum Verstehen der Geschichte müssen auch die Materialien verstanden werden“. Den Vorwurf, hier solle das Schlachtfeld ausgeschlachtet und Geld mit dem Krieg verdient werden, lässt er nicht gelten: „Hier geht es um den Erhalt von historisierten Geschehnissen - dazu gehört auch die dunkle Vergangenheit, und diese muss auch in ihrer Realität erhalten bleiben“.

Journal.lu

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