Die Elitesportler in der Armee

Jeudi 12 janvier 2017

Gestern wurden in Diekirch sechs weitere Topathleten als Soldaten vereidigt

Seit 1998 haben die besten Luxemburger Sportler die Möglichkeit, die Elitesportsektion der Luxemburger Armee zu integrieren. Gestern wurden sechs weitere Athleten in diese Gruppe aufgenommen. Eine Win-win-Situation für den Sport und für das Heer.

Sie heißen Tiago da Silva, Michel Erpelding, Charles Grethen, Julien Henx, Pit Klein und Raphaël Stacchiotti (in alphabetischer Reihenfolge). Allen sechs ist gemeinsam, dass sie gestern als reguläre Soldaten der 26. Session der Luxemburger Armee vereidigt wurden. Dadurch steigt die Zahl der Rekruten in der Elitesportsektion auf 21. Gleich sechs Sportler in einer einzigen Ausbildungsphase stellt eine Premiere für dieses Luxemburger Modell dar, das den besten einheimischen Athleten ermöglicht, sich bei einer gleichzeitigen finanziellen und sozialen Absicherung voll und ganz auf ihren Sport konzentrieren zu können.

„Diese sogenannten Sportsoldaten sind im Prinzip ganz normale Armeemitglieder wie die anderen auch“, so Colonel Alain Duschène, der Verantwortliche der Elitesportsektion. „In der Grundausbildung sind alle gleich und es gibt für niemanden einen Bonus. Die Elitesportsoldaten genießen nach ihrem Karriereende auf dem Arbeitsmarkt die gleichen Vorteile und Annehmlichkeiten wie die anderen Soldaten auch; daher ist es nur gerecht, dass sie auch die gleichen Grundvoraussetzungen schaffen müssen. Bestehen sie die Grundausbildung, können sie sich in den folgenden Monaten voll und ganz auf den Sport konzentrieren, um ihre Leistung zu bringen. Nur eben nicht in der Kaserne, sondern auf dem Terrain des Sports.“

Sieben Jahre nur für den Sport

Ganz frei gestellt sind sie dennoch nicht. Kontrolliert wird aufgrund eines Trainingsprogramms, das der Sportler der Armee, seinem Dachverband und dem COSL einreichen muss. Auch die Entwicklung der Resultate wird verfolgt. Seit 2008 kann der Sportler bis zu sieben Jahren Mitglied der Elitesportsektion sein, dann muss er seinen Abschied nehmen. Davor waren es deren gar 15.

In der Armee blickt man mit einem gewissen Stolz auf die Elitesportsoldaten. „Es ist für die Armee – auch – eine Sache des Prestiges und der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Eine Soldatin wie Christine Majerus bereitete uns noch am vergangenen Wochenende viel Freude mit ihrer überragenden Leistung bei den nationalen Meisterschaften im Cyclocross. Kugelstoßer Bob Bertemes hat bei den Militärweltspielen vor rund 15 Monaten in Südkorea die Silbermedaille gewonnen, das war eine Premiere für die Luxemburger Armee. Wir hoffen, dass wir mit den aktuellen Topleuten ähnliche Erfolge feiern können.“ Und Duschène blickt dreieinhalb Jahre voraus, wenn er prognostiziert, dass sich das Gros der Luxemburger Olympiadelegation für Tokio 2020 aus Sportsoldaten zusammensetzen dürfte.

Der beigeordnete Generalstabschef der Luxemburger Armee hebt aber auch einen anderen angenehmen Nebeneffekt hervor, den die Integration der besten Sportler in die Armee mit sich bringt. „Sportler wollen immer alles aus ihrem Körper herausholen. Diese Mentalität hat auf die restlichen Kandidaten in dieser Grundausbildung abgefärbt. Die sechs Sportler waren innerhalb der gesamten Gruppe verteilt und brachten mit sich, dass das globale Niveau in die Höhe ging.“

Und die Sportler danken der Armee indirekt für diese Karrieremöglichkeit: Die drei besten Rekruten der 26. Session waren allesamt Sportler: die beiden Schwimmer Stacchiotti (1.) und Henx (2.) sowie Bogenschütze Klein (3.). Bester Sportler war Leichtathlet Grethen. Wenig überraschend ging der Preis für die beste Leistung im Kursus über Erste Hilfe daher auch an zwei Sportler, an Stacchiotti und Klein.

Mit Judoka Manon Durbach, die dieser Tage ihre Grundausbildung begonnen hat, steht übrigens bereits die nächste Sportlerin auf dem Sprung in den Elitesportkader.

VON LAURENT SCHÜSSLER

 
 

AKTUELLE MITGLIEDER

Seit Januar 2006: Dirk Bockel (Triathlon) - Marcel Ewen (Reiten)

Seit Mai 2008: Kari Peters (Langlauf)

Seit Januar 2010: Lynn Mossong (Judo)

Seit Januar 2012: Lis Fautsch (Fechten)

Seit Dezember 2012: Sarah De Nutte (Tischtennis) - Neil Peters (Triathlon) - Christine Majerus (Radsport)

Seit April 2013: Bob Bertemes (Leichtathletik)

Seit Januar 2014: Bob Haller (Triathlon) - Tim Schmit (Basketball)

Seit Januar 2016: Jessica Berscheid (Fußball) - Alex Laurent (Basketball) -Robert Mann (Badminton) - Magaly Meynadier (Basketball)

Seit Januar 2017: Tiago da Silva (Radsport) - Michel Erpelding (Boxen) - Julien Henx (Schwimmen) - Charles Grethen (Leichtathletik) - Pit Klein (Bogenschießen) - Raphaël Stacchiotti (Schwimmen)

 
 

Fast wie ein gewöhnlicher Rekrut ...

Der Weg zum Elitesportsoldaten

Wie jeder Normalbürger, der in die Luxemburger Armee eintreten will, müssen auch die angehenden Sportsoldaten zunächst ein Bewerbungsschreiben an das Verteidigungsministerium richten. Es folgen ein Wissenstest, eine ärztliche Untersuchung und ein persönliches Gespräch. Erst danach ist der Freiwillige zur viermonatigen Ausbildung zugelassen. Besteht er diese, kann er in die Elitesportsektion übernommen werden. Allerdings geht das nicht ohne das Einverständnis des Sportministeriums. Um dieses zu erhalten, müssen Athlet und Dachverband – am besten vor der Grundausbildung- einen weiteren Antrag stellen. Einen solchen leitet das Ministerium an das COSL weiter, das aufgrund des Potenzials des Antragsstellers eine Einschätzung vornimmt. Bei einem positiven Bescheid wird der Soldat anschließend für den Sport freigestellt. LS

 
 

 Drei Fragen an

Raphaël Stacchiotti – Der dreifache Olympiateilnehmer im Schwimmen (2008, 2012 und 2016) entschied sich nach den Spielen von Rio de Janeiro zur Rekrutenausbildung in der Luxemburger Armee und dem damit möglichen, späteren Wechsel in die Elitesportsektion.

Obschon ihr Leben als Elitesportler sich ebenfalls durch viele Zwänge und Kompromisse kennzeichnete, so war die Grundausbildung in der Luxemburger Armee doch noch einmal etwas völlig anderes. Wie groß war für Sie die Änderung?

Als Hochleistungssportler weiß man zwar generell um die Bedeutung von Disziplin und man lebt auch zielgerichtet, doch nicht in gleichen Maße wie dies bei der Armee und im Speziellen bei der Grundausbildung der Fall war. In den vergangenen vier Monaten habe ich persönlich viele andere Faktoren kennengelernt, die ebenfalls Teil eines disziplinierten Lebens sind. Es bildet eine Einheit. Als Soldat bist für dich selbst verantwortlich. Einfach für alles. Das beginnt beim Schuheputzen und hört beim Betten machen auf. Im Vergleich zu einem Leben als „reiner“ Sportler beschränken sich die Erfordernisse als Rekrut nicht nur auf einzelne Elemente wie z. B. auf die Ernährung achtzugeben. Die Armee ist eine völlig andere Welt. Die Ambitionen, die man als Sportler per se in sich trägt, helfen einem allerdings, sich in einer solchen Phase besser zurechtzufinden. Aber der militärische Aspekt ist dennoch nicht zu unterschätzen, er fordert einen als Mensch noch einmal auf einem ganz anderen Niveau.

Konnten Sie als Einzelsportler einen Nutzen für ihre spätere Karriere aus der Grundausbildung ziehen, in der generell viel Wert auf die Gemeinschaft gelegt wird?

Die Armee ist eine Schule fürs Leben. Disziplin ist wichtig, nicht nur als Sportler, sondern insgesamt als Mensch. Man lernt nicht aufzugeben. Durchhaltevermögen hat man zwar teils auch als Sportler, aber in der Armee brauchst du es unter anderen Umständen. Dinge, die man weniger interessant findet, schiebt man im Alltagsleben gerne einmal auf die lange Bank. Das ist menschlich. Diese Option gibt es in der Armee jedoch nicht. Du lernst hier, anders an eine Sache heranzugehen. Man gibt dir als Rekrut ein Ziel, ganz gleich welches, und dann geht es darum, dieses zu erreichen. Das können ganz banale Dinge sein wie z. B. die Schuhe auf Hochglanz zu bringen. Ich persönlich werde jetzt fokussierter durchs Leben leben.

Sie wurden jetzt als Rekrut vereidigt und können in die Elitesportsektion wechseln. Ab sofort stehen wieder Training und Wettkampf an erster Stelle. Wie sieht Ihre kurz- bis mittelfristige Zukunft aus?

Ich bin in der Tat jetzt offiziell Soldat und werde integral für Training und Wettkämpfe im Schwimmen freigestellt. Die nächsten Tage werde ich noch in Luxemburg verbringen und auch hierzulande trainieren. In rund fünf, sechs Wochen beginnt dann ein neues Kapitel in meinem Leben, wenn ich ins französische Nice wechsele, wo ich leben und trainieren werde. Durch den Sold, den ich als Soldat erhalte, kann ich mir erlauben, permanent im Ausland zu bleiben und bin nicht länger ausschließlich auf finanzielle Zuschüsse durch Schwimmverband, COSL und Eltern angewiesen. Mein erstes internationales Ziel werden die Spiele der kleinen europäischen Staaten Ende Mai, Anfang Juni in San Marino sein.

Interview: Laurent Schüssler

 
 

Eine seit knapp 20 Jahren währende Erfolgsgeschichte

1998 integrierten mit Max Becker, Sandro Caenaro und Kim Kirchen die ersten Athleten die Elitesportsektion

62 Athleten aus 24 Disziplinen waren oder sind aktuell noch Mitglied des Elitesportkaders der Luxemburger Armee. Alles begann im Februar 1998 mit der Aufnahme der beiden Radsportler Max Becker und Kim Kirchen sowie von Tischtennisspieler Sandro Caenaro. Bereits zwölf Tage später wuchs diese Gruppe durch die Aufnahme von Steve Fogen weiter an. Becker, Kirchen und Caenaro hatten – wie auch Fogen – zuvor eine viermonatige Grundausbildung absolviert, so wie sie es heute auch noch Pflicht ist.

Nicht für alle Elitesportsoldaten verlief die Zeit beim Heer so erfolgreich wie bei Kirchen, der bereits eineinhalb Jahre später einen Profivertrag beim italienischen Rennstall Fassa Bortolo unterschreiben konnte. Und ein Karriere begann, wie sie jeder heute noch kennt. Die Luxemburger Armee stand demnach indirekt Pate bei seinen späteren internationalen Triumphen, die im Erfolg bei der Flèche Wallonne (2008) sowie den beiden Etappensiegen bei der Tour de France (2007 und 2008) gipfelten. Andere Sportler traten danach erfolgreich in die Fußstapfen Kirchens: Tessy Scholtes (Karate), David Fiegen (Leichtathletik), Marie Muller (Judo), Dirk Bockel (Triathlon), Sascha Palgen (Turnen) oder Christine Majerus (Radsport) sind nur einige davon.

Erfolge und Misserfolge

Fiegen und Bockel waren gemeinsam mit dem Segler Marc Schmit übrigens die ersten regulären Elitesportsoldaten, die sich für Olympische Spiele qualifizieren konnten. Das Trio war 2008 Teil der COSL-Delegation für Peking. Auch das beste Resultat, das je eine Luxemburger Sportlerin bei Olympia erreichte, war auf die außergewöhnliche Leistung einer Sportsoldatin zurückzuführen: 2012 verpasste Judoka Marie Muller bei Olympia in London nur ganz knapp die Bronzemedaille und musste sich mit dem geteilten fünften Platz begnügen.

Es gab allerdings auch Sportler, deren Karriere nach ihrem Eintritt in die Sportsektion nicht den erhofften Aufschwung kannte. Ein halbes Dutzend, also rund zehn Prozent, verließ die Armee gar – aus verschiedenen Gründen – nach bereits weniger als 24 Monaten, um zukünftig aus sportlicher Sicht kürzer zu treten. Einige beendeten ihre sportliche Laufbahn, andere setzten sie zwar fort, aber nur mehr ohne größere internationale Ambitionen.

Der schwierige Sprung ins Profitum

Wenig erfolgreich verlief bislang auch die Integration der Kollektivsportarten in die Elitesektion. Fußballer Chris Sagramola war im Mai 2008 der erste von bisher zwölf Mannschaftssportlern, die dieses Angebot in Kauf nahmen. Am mittelfristigen Ziel, dem Wechsel zu einem ausländischen Proficlub, scheiterte aber das Gros. Lediglich Handballer Eric Schroeder (während einer Saison beim rumänischen Erstligisten Universitatea Bucovina Suceava) und Basketballerin Magaly Meynadier, die seit vergangenem Sommer in der ersten deutschen Bundesliga für Saarlouis auf Korbjagd geht, haben einen Fuß in die Tür des Profigeschäfts bekommen.

Die von der Armee in Zusammenarbeit mit dem Sportministerium und dem COSL geschaffenen Voraussetzungen richten sich augenscheinlich eher an Einzel- denn an Kollektivsportler. LS

Die neuen Elitesportsoldaten: Michel Erpelding, Julien Henx, Raphaël Stacchiotti, Pit Klein, Charles Grethen und Tiago da Silva (v. l. n. r.).

BISHER 24 DISZIPLINEN

Mit zehn Sportlern stellt der Radsportverband FSCL den größten Teil der ehemaligen oder aktuellen Elitesportsoldaten. Es folgt der Tischtennisverband FLTT mit sechs Athleten. Durch die Aufnahme der beiden Schwimmer Raphaël Stacchotti und Julien Henx sowie von Boxer Michel Erpelding wuchs die Zahl der Disziplinen, die mindestens einmal in der Elitesportsektion vertreten war, auf 24 an.

Zehn Sportler*: Radsport

Sechs: Tischtennis

Vier: Triathlon, Karate, Leichtathletik, Basketball, Judo, Handball

Drei: Bogenschießen

Zwei: Turnen, Reiten, Fußball, Schwimmen

Einer: Turmspringen, Motorradfahren, Tennis, Segeln, Tanzen, Volleyball, Golf, Langlauf, Fechten, Badminton und Boxen

* Ehemalige und aktuelle

 
 

Bisher 13 weibliche Rekruten

Sarah Pétré war die Erste

Die sechs Elitesportsoldaten, die gestern vereidigt wurden, sind alle männlichen Geschlechts. Aktuell befinden sich mit Magaly Meynadier, Jessica Berscheid, Christine Majerus, Sarah De Nutte, Lis Fautsch und Lynn Mossong jedoch ebenfalls ein halbes Dutzend weiblicher Rekrutinnen in der Sportsektion. Seit 1997 und dem Beginn der ersten Grundausbildung für die späteren Sportsoldaten haben sich 13 Sportlerinnen für den Dienst an der Waffe entschieden. Pionierin auf diesem Gebiet war Sprungreiterin Sarah Pétré, die am 24. Februar 2003 als erst zwölfter Sportler überhaupt aufgenommen wurde. Pétré blieb während rund sechs Jahren Mitglied. Die erste Sportlerin aus einer Mannschaftssportart ließ allerdings bis zum Vorjahr auf sich warten. Vor rund zwölf Monaten wurde nämlich erst Fußball-Nationalspielerin Berscheid vereidigt. LS

VON Luxemburger Wort

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