Die kollektive Verteidigung hat Vorrang

Mardi 19 décembre 2017

Generalstabschef Alain Duschène über den Personalmangel bei der Armee, die Abkehr von den Friedensmissionen und die Beteiligung an internationalen Einsätzen

INTERVIEW: MICHÈLE GANTENBEIN Am 29. September löste Colonel Alain Duschène Generalstabschef Romain Mancinelli ab, der die Armee während fast drei Jahren leitete. Duschène übernimmt die Führung der Armee in einer Zeit, in der von internationaler Seite mehr Engagement von Luxemburg erwartet wird.

Herr Duschène, der Personalmangel bei der Armee ist eine Konstante. Wie sieht die Lage derzeit aus?

Uns fehlen Soldaten, aber auch Offiziere und Unteroffiziere. So gesehen ist es von Vorteil, dass wir nicht mehr Soldaten haben. Uns fehlt das Führungspersonal, um sie zu betreuen. Seit der Reform 2008 ist die Zahl der Soldaten nicht merklich gestiegen. Die Bevölkerungsgruppe, aus der wir schöpfen können, ist leider begrenzt. Zwar melden sich mehr Kandidaten, als wir annehmen können, aber nur ein Drittel schafft die Tests. Seit einem Jahr bieten wir zusammen mit dem Ettelbrücker Lycée einen Vorbereitungskurs an. Die Erfolgsquote liegt bei über 50 Prozent.

Was tun Sie, um mehr Offiziere anzuwerben?

Bei der Rekrutierung von Offizieren haben wir große Verluste. Von vier oder fünf springen in der Regel zwei ab. Das betrifft besonders die Kandidaten mit einem Sekundarschulabschluss, die wir zur Militärausbildung nach Brüssel schicken. Wir rekrutieren auch Masterabsolventen. Das geht schneller, weil sie bereits ein gewisses Bildungsniveau haben. Wir bilden sie dann für unsere spezifischen Bedürfnisse aus. Bisher hält sich der Andrang allerdings in Grenzen. Deshalb planen wir im Frühjahr eine neue Rekrutierungsoffensive.

Sie wollen mehr Frauen anwerben. Wie machen Sie ihnen den Militärdienst schmackhaft?

Frauen wie Männern bieten sich gute berufliche Perspektiven. Sie genießen beim Staatsdienst nach wie vor Priorität. Was sie hier lernen – Disziplin, Pünktlichkeit, Motivation –, hilft ihnen in ihrem späteren Leben.

Um den Personalmangel etwas auszugleichen, war darüber nachgedacht worden, die Ausbildungs- und Rekonversionszeit zu verlängern ...

Der aktive Militärdienst endet nach drei Jahren. Die Rekonversion dauert ein Jahr, sie kann aber verlängert werden. Wir bieten den Soldaten künftig an, ihren Dienst auf freiwilliger Basis zu verlängern. Pro zusätzlichem Dienstjahr wird die Rekonversion, also die berufliche Ausbildung, um sechs Monate verlängert. So haben sie mehr Zeit für ihre Ausbildung. Uns hilft das, Löcher in den Sektionen zu stopfen, die entstehen durch Soldaten, die den Militärdienst vorzeitig abbrechen. Der Nachteil der Militärdienstverlängerung ist, dass die Soldaten über längere Zeit keine schulischen Kenntnisse erwerben, die sie für ihren späteren Beruf brauchen.

Wie sieht es mit der Kommunikationsoffensive aus, die bereits unter Ihren Vorgängern angeleiert wurde?

Wir haben ein Informationsbüro eröffnet, sind auf Facebook und Twitter präsent. Wir peppen unseren Internetauftritt noch etwas auf. Wir sind auf Messen zugegen. Unser nächstes Ziel ist, an den Universitäten noch präsenter zu sein, so wie andere Firmen es auch tun. Gut ausgebildete Leute sind überall sehr gefragt. Wir müssen uns intensiver bemühen, die jungen Menschen für eine Militärkarriere zu begeistern.

Braucht die Armee wegen der neuen Missionen in den kommenden Jahren mehr Personal, als bei der Reform 2008 berechnet wurde?

Das wird sich zeigen. Wir brauchen vor allem mehr technisches Personal und wir müssen die Leute neu einteilen. Wir sind dabei, die Aufstellung zu machen, was an Missionen auf uns zukommt, und den Personalbedarf neu zu berechnen.

Ist die Pilotenrekrutierung für den A400M abgeschlossen?

Wir haben uns verpflichtet, sechs Piloten und sechs Loadmaster zur Verfügung zu stellen. Wir hatten großes Glück. Unsere fünf Piloten sind noch alle dabei. Wir rekrutieren demnächst einen sechsten und haben mit der Ausbildung der Loadmaster begonnen. Darunter ist auch eine Frau. Die Ausbildung dauert anderthalb bis zwei Jahre. Die Auslieferung der ersten Maschine ist für Ende 2019 geplant.

Die Investitionen in neue militärische Projekte sollen auch dem Land etwas bringen. Im Januar wird der Militärsatellit in den Orbit gebracht ...

In diesem Bereich haben wir uns in den letzten Jahren spezialisiert. Das Programm erfordert hohe technische Kenntnisse. Wir bilden unsere Leute selbst aus, rekrutieren aber auch Experten, die in diesem Bereich arbeiten wollen. Momentan sind etwa 20 Personen in der Informations- und Kommunikationstechnik tätig. Ein anderes Projekt ist das medizinische Krisenzentrum, eine structure dormante mit rund 40 Betten in unmittelbarer Nähe eines Krankenhauses, in dem im Notfall viele Patienten gleichzeitig behandelt werden können. Wir haben uns auch zur Bereitstellung medizinischer Teams in den Bereichen Traumatologie und Infektionskrankheiten verpflichtet. Wenn sie nicht im Einsatz stehen, stehen sie dem Krankenhaus zur Verfügung.

Wie kommen Sie mit der Restrukturierung beziehungsweise dem Umzug des Generalstabs voran?

Seit Oktober befinden sich zwei Drittel des Generalstabs in Diekirch. Das andere Drittel, das stärker mit dem Verteidigungsministerium zusammenarbeitet, bleibt in der Stadt. Die Zusammenlegung von Generalstab und Ministerium scheitert momentan allerdings an den fehlenden Infrastrukturen. Wir werden Ende August 2018 übergangsweise an die Route d'Esch umziehen. Zu einem späteren Zeitpunkt ist der Umzug in ein neues Gebäude geplant, zusammen mit dem Verteidigungsministerium und dem Ministerium für innere Sicherheit. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir optimal installiert sind. In Diekirch wird das erst der Fall sein, wenn der Befehlsblock fertig ist. Das wird noch mindestens vier Jahre dauern.

Unsere Armee wird wegen ihrer überschaubaren Größe ja gerne belächelt. Was sind denn unsere Stärken?

Unsere Schwäche ist natürlich unsere geringe Mannstärke. Aber wir sind Teil einer Kette und leisten unseren Beitrag zu dem Ganzen. Unsere Stärken sind unsere Vielseitigkeit – bei den Sprachen zum Beispiel – und die kurzen Entscheidungswege. Wir werden stets für unseren Einsatz und unsere Professionalität gelobt. Wir bieten Qualität statt Quantität.

Auslandsmissionen dauern im Prinzip vier Monate. Wird sich das mit den neuen Einsätzen ändern?

Manchmal sind es auch sechs Monate. In der Regel aber versuchen wir sie auf vier Monate zu begrenzen. Unsere Leute haben kein Problem mit längeren Einsätzen, aber für die Familien ist es eine Belastung. Das muss man bei der Planung berücksichtigen.

Wie oft schicken Sie Ihre Leute in den Einsatz?

Im Prinzip vergehen zwei Jahre zwischen zwei Missionen. Wir haben die Zahl der Einsätze heruntergeschraubt. Zwischen 2006 und 2012 liefen sechs Missionen gleichzeitig. Das waren 38 Leute, die zeitgleich fort waren. Damit stießen wir an die Grenzen des Zumutbaren. Seit Juli waren 22 Soldaten in Litauen. Sie sind jetzt zurückgekehrt. Wir sind in Mali und in Afghanistan vertreten. Das ist mit dem aktuellen Personalbestand gut zu schaffen.

Die Mission im Kosovo ist beendet. Wie sieht es mit anderen Friedensmissionen aus?

Außer in Afghanistan und in Mali sind wir in keiner Friedensmission engagiert, weil wir uns anderweitig verpflichtet haben. Im Rahmen der Litauen-Mission werden wir von Juli bis Dezember 2018 einen Aufklärungszug einsetzen. Was nach 2018 im Rahmen der Litauen-Mission auf uns zukommt, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Im ersten Halbjahr 2018 stellen wir der EU eine Aufklärungstruppe zur Verfügung und in der zweiten Hälfte eine Transporteinheit. Zwischen 2018 und 2020 sind wir mit einer 80 bis 100 Mann starken Truppe im Rahmen der schnellen Eingreiftruppe der NATO – die Very high readiness Joint Task Force – engagiert. In dieser Zeit können wir unsere Leute nicht anderweitig verplanen. Das ist der Grund, warum wir zum Beispiel die KFORMission beendet haben. Die kollektive Verteidigung hat jetzt Vorrang.

An welchen Projekten wird Luxemburg im Rahmen der Pesco teilnehmen?

Wir sind Teil einer Arbeitsgruppe, die verantwortlich ist für die Koordinierung von EUTrainingsmissionen. Beim Projekt Military Schengen geht es um die Vereinfachung der Prozeduren im Falle von Militärtransporten über mehrere Grenzen hinweg.

Bereiten Sie die Leute auf die NATO-Einsätze vor?

Unsere Leute nehmen hier in Luxemburg an einem Training teil. Im Januar findet ein gemeinsames Training mit den Niederländern hier statt. Und im Oktober/November 2018 nehmen sie an einem weiteren Training in Norwegen teil. Dort erhalten sie die Zertifizierung, dass sie für die Stand-by-Periode der schnellen Eingreiftruppe bereit sind.

Inwiefern ändert sich im Zuge der neuen Missionen Ihre Arbeit als Generalstabschef?

Die Planungsarbeit ändert sich. Bei Friedensmissionen ist klar, wer wann an welchem Einsatz teilnimmt. Im Falle der kollektiven Verteidigung ist das anders. Unsere Leute sind einsatzbereit, aber niemand kann vorhersagen, ob es tatsächlich zu einem Einsatz kommt. Wir müssen flexibler sein und können nicht mehr, wie früher, Einsätze über mehrere Jahre hinweg planen.

An der Spitze der Armee kam es in den vergangenen Jahren recht häufig zu einem Wechsel. Mario Daubenfeld war ein Jahr im Amt, Romain Mancinelli etwas weniger als drei. Jetzt sind Sie dran ...

(lacht) Aber es war noch niemand so lange beigeordneter Generalstabschef wie ich. Es hat Vorteile, wenn man zehn Jahre lang beigeordneter Chef ist. Man kennt sich mit allem aus. Mein Büro ist ein anderes. Ansonsten hat sich nicht viel geändert.

Kann man sich denn wirklich einbringen und dem Militär seinen Stempel aufdrücken, wenn man nur kurze Zeit im Amt ist?

Natürlich wäre es günstiger, wenn man längere Zeit im Amt wäre. Aber man muss auch das Dienstalter der einzelnen Leute berücksichtigen und so dreht das Karussell ab und zu auch mal schneller. Manche waren sechs oder sieben Jahre im Amt. Außerdem weht dann öfter ein neuer Wind.

Luxemburger Wort

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