Die Bombenflüsterer

Jeudi 29 novembre 2018

Fotos: Ingo Zwank

Sieben Männer, 24 Stunden Bereitschaft - und bereits 300 Einsätze in diesem Jahr: Das ist der „Service de déminage de l’armée luxembourgeoise (SEDAL)“, der in Waldhof stationiert ist. Ob bei Bauarbeiten eine alte Fliegerbombe aus dem Weltkrieg gefunden wird, im Nachlass im Keller Munition oder im Wald Überreste aus blutigen Schlachten - das alles ist dann eine Aufgabe des SEDAL.

Der Kampfmittelräumdienst der Armee garantiert einen Bereitschaftsdienst von 24/24 Stunden, sieben Tage die Woche, um im Falle eines Munitionsfundes in kürzester Zeit an Ort und Stelle zu sein und die mögliche explosive Fundsache zu entsorgen. Bis dato 300 Einsätze hat der SEDAL in Luxemburg in diesem Jahr schon absolviert, bei denen vor allem Munition der unterschiedlichsten Art, meist aus dem Zweiten Weltkrieg, vorgefunden wurde. Vier bis fünf Tonnen Munition werden so durch die Kampfmittelräumer pro Jahr beseitigt.

Lange im Militärdienst ist Voraussetzung

„Ruhe und Durchhaltevermögen, vor allem aber Teamfähigkeit sind bei uns sehr wichtig“, sagt der Teamleiter, Erster Leutnant U. von der Luxemburger Armee. Er beschreibt die weiteren Voraussetzungen, um im Service dabeisein zu können. „Die Kandidaten sind schon längere Zeit beim Militär“, sagt der Offizier, das sei eine der Grundvoraussetzungen zu der Ausbildung zum Kampfmittelräumer. Er selbst ist seit drei Jahren beim SEDAL, seit 2006 im Militärdienst.

Die Ausbildung an sich dauert ungefähr 18 Monate und findet in Belgien statt. Der Schwerpunkt im ersten Ausbildungsabschnitt liegt bei der Erkennung der verschiedenen Munitionstypen und deren Gefahren. Das Entschärfen und Sprengen von Munition wird natürlich ebenfalls trainiert - „denn es gilt: Jeder Fehler kann womöglich der letzte sein! Während dieser Ausbildung wird man daher regelmäßig in Stresssituationen versetzt, in denen man verschiedene Aufgaben zu lösen hat“, erzählt U. weiter - dies im Hinblick auf die anstehenden Einsätze, denn dann würde man nicht einfach ins „kalte Wasser geworfen.“ Die Entschärfer arbeiten immer in Teams von zwei Personen, darüber hinaus gibt es den Teamleiter.

Zum Einsatz vor Ort in Luxemburg sagt U., dass die Mehrheit der Munition wie Blindgänger bei Bauarbeiten oder beim Pflügen von Feldern gefunden wird. Doch aus der Erfahrung weiß man, dass es auch hier ein gewisses Dunkelfeld gibt, berichten die Mitglieder des SEDAL. So wie im Ausland, wo ein Baggerfahrer eine Bombe fand, neben der eigentlichen Baugrube schnell eine zweite aushob und den Blindgänger dort entsorgte.

Sprengungen ab und an nötig - auch Evakuierungen

Da die Munition nicht immer abtransportiert werden und so später gesprengt werden kann, muss dies manchmal auch vor Ort geschehen. „Dies hängt vom Zustand des Fundstücks, vor allem des Zünders ab.“ Anhand dessen trifft der Teamleitung dann die notwendigen Entscheidungen.

So wie vor über vier Jahren in Oberwampach, als Arbeiter auf einer Baustelle auf eine Fliegerbombe stießen. Laut SEDAL handelte es sich um einen sogenannten 500 Pfünder (250 Kilogramm), eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Es stellte sich heraus, dass die Bombe nicht detoniert und somit noch scharf war. Aus Sicherheitsgründen mussten die anliegenden Häuser in einem Umkreis von 300 Metern evakuiert werden. Nachdem der Zünder durch die Spezialisten freigelegt und entschärft worden war, konnte Entwarnung gegeben werden. Die Bombe konnte abtransportiert werden.

Das Grundproblem ist, dass mit der Zeit die Sprengsätze meist noch gefährlicher, und nicht harmloser werden, wie oft irrtümlich vermutet wird. „Das Wissen und die Erfahrung der Teams sind daher entscheidend bei der Beseitigung der Munition“, betont U..

Mit ihrem Wirken sind die Mitglieder des „Service de déminage de l’armée luxembourgeoise“ quasi der sichtbar agierende Part der Luxemburger Armee auf dem Gebiet des Großherzogtums. Doch neben den Einsätzen in Luxemburg sind die SEDAL-Mitarbeiter auch in Auslands-einsätze involviert, beispielsweise in Bosnien, im Libanon, Kambodscha oder Afghanistan.

Fortbildung ist absolut wichtig - auch mit Kollegen aus dem Ausland

„Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht in der Fortbildung“, erklärt U., die Kampfmittelräumer müssen ständig auf dem neuesten Stand der Dinge, sprich der Munitions- und Sprengstoffteile sein, aber auch, um das Material bedienen zu können, das für die Arbeit benötigt wird. „So nehmen wir regelmäßig an internationalen Übungen teil. Diese verstärken umso mehr die Zusammenarbeit der Kampfmittelräumer in Europa und darüber hinaus“, arbeiten die Luxemburger doch auch mit ihren Kollegen aus den Nachbarländern zusammen, sollten im Grenzgebiet explosive Funde gemacht werden. In Belgien besteht darüber hinaus die Chance, entsprechend gefährliche Stücke gezielt zu entsorgen, sprich zu sprengen.

HINTERGRUND

Tonnenweise explosive Funde

So wurden vom SEDAL im Jahr 2018 (bis dato) rund vier Tonnen Munition und Munitionsteile entsorgt, davon 28 Bombenblindgänger, 139 Stück Artilleriemunition, 67 Stück Granatwerfermunition, 25 Stück raketenangetriebene Munition, 85 Stück Hand- und Gewehrgranaten und rund 1.400 kg Kleinkalibermunition.

Zum Vergleich: Im „Service d’Enlèvement et de Destruction d’Engins Explosifs (SEDEE)“ der belgischen Armee arbeiten 311 Soldaten, darunter 187 ausgebildete Minenräumer. Alleine 200 Tonnen Kriegsmunition kommen jedes Jahr im Militärstützpunkt Poelkappelle (Belgien) an. Auf dem eigens präparierten Gelände versenkt das Militär die Sprengsätze, die dann vom Kampfmittelräumdienst kontrolliert zur Explosion gebracht werden.

Beim Kampfmittelräumdienst Rheinland-Pfalz wurden im Jahr 2017 rund 41 Tonnen Munition und Munitionsteile gesichtert, davon 47 Bombenblindgänger, sieben vergrabene Bomben, 464 Stabbrandbomben, 21 Panzerminen sowie 21 Schützenminen, 16.517 Stück Artilleriemunition, 818 Hand- und Gewehrgranaten, 3.869,4 kg Gewehr- und Pistolenmunition sowie 13.143,9 kg verschiedene Munitionsteile.

Beim Kampfmittelbeseitigungsdienst des Saarlandes sind in diesem Jahr bereits 207 Einsätze angefallen, insgesamt wurden 4,3 Tonnen Munition und Sprengstoff sichergestellt, sagt Dirk Otterbein, Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes, im „Journal“-Gespräch. So habe es drei große Bombenentschärfungen von 250- beziehungsweise 500 Kilo-Bomben mit Evakuierung gegeben, ferner einige Brand- und Splitterbomben. Aus Sicherstellungen seien noch einmal rund 700 Kilo Munition angefallen.

Der Westen Frankreichs war über Jahrhunderte Schauplatz von Konflikten. Besonders der Erste und der Zweite Weltkrieg haben bis heute markante Spuren in Lothringen und im Elsass hinterlassen. Im Ersten Weltkrieg gab es während vier Jahren einen blutigen Stellungskrieg zwischen Alliierten und Deutschland auf einer Front von nahezu 600 Kilometern. Schätzungsweise 1,5 Milliarden Granaten wurden in dieser Zeit abgefeuert. Experten schätzen, dass 30 bis 40 Prozent davon nicht explodiert sind und rund fünf Prozent mit toxischen Substanzen gefüllt waren. Anfang September bargen Minenräumer sechs Tonnen deutsche Granaten aus der Maas nördlich von Verdun. Ein Spaziergänger war zufällig auf das Kriegsgerät gestoßen, das durch das Niedrigwasser sichtbar geworden war. In den Departements Meuse, Meurthe-et-Moselle und Moselle rücken die in Metz stationierten Minenräumspezialisten zwischen 850 und 1.000 Mal jährlich aus. Am häufigsten sind die Einsätze in der Meuse, wo im Ersten Weltkrieg einige der schlimmsten Schlachten an der Westfront tobten. Insgesamt werden in ganz Frankreich rund 500 bis 800 Tonnen alte Munition geborgen.

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