Botschafter in Uniform

Lundi 14 octobre 2019

Luxemburg. „Ich bin ein normaler Soldat und habe nur versucht, mein Bestes zu geben“, betont Jean- Gabriel Nemi. Seine Bescheidenheit ist kein Schauspiel. Der Luxemburger mit italienisch-französischen Wurzeln steht nicht gerne im Rampenlicht.

Das bestätigt auch sein Vorgesetzter, Lieutenant-Colonel David Lesch aus dem Personalbüro der Luxemburger Armee. Gleich mehrmals muss der Offizier im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“ die Ausführungen seines Soldaten ergänzen, da dieser die eigene Leistung stets herunterspielt. „Ich habe nur versucht, meine Ausbildung in die Praxis umzusetzen und meine Befehle bestmöglich auszuführen“, meint hingegen der 23-jährige Soldat, den die drei roten Pfeile an der Uniform als „Premier Soldat Chef“ auszeichnen.

Mehr als Pflichterfüllung

Nemi wählt seine Worte mit Bedacht. Aus Bescheidenheit, doch auch aus Pflichtbewusstsein: Seine Ausbildung verbietet ihm, zu viele Details zu nennen. Er ist darauf trainiert, Fragen zu stellen, ohne selbst viel preiszugeben. Diese Fertigkeit habe er auch bei der NATO-Mission „Resolute Support“ in Afghanistan angewendet, wie er später aber betont. Wohl einer der Gründe, weshalb Nemi nach seinem Aufenthalt in Masar-e Sharif mit der höchsten Auszeichnung geehrt wurde, die die NATO überhaupt vergeben kann: der „Meritorious Service Medal“.
Die Medaille wird – wie der Name es besagt – für verdienstvolle Dienste im Zuge eines NATO-Einsatzes verliehen, und das seit 2003. Damit soll Personal geehrt werden, dessen Einsatz über die normale Pflicht hinausging, um sowohl für Kollegen und Vorgesetzte als auch für die NATO als Organisation etwas zu bewirken. Pro Jahr werden weniger als 50 dieser Medaillen vergeben. Die Auszeichnung wird vom NATO-Generalsekretär höchst persönlich genehmigt.

Jean-Gabriel Nemi (23) übernahm unter anderem als junger Fahrer Verantwortung in Krisengebieten und chauffierte dort hochrangige Gäste – sich der Gefahr eines Anschlags stets bewusst. Fotos: P. Matgé

Lob von höchster Stelle

Die Medaille kann sowohl an Militär- als auch an Zivilpersonal vergeben werden, und das in vier Kategorien: die Verrichtung von mutigen Handlungen unter gefährlichen Umständen, außergewöhnliche Führung, das Verrichten eines herausragenden individuellen Beitrags zu einem von der NATO geförderten Programm oder einer von der NATO geförderten Tätigkeit oder die Bewältigung besonderer Schwierigkeiten oder Entbehrungen im Interesse der NATO.
Nemi hat sich in Masar-e Sharif mit einem Einsatz einen Namen gemacht, der weit über Pflicht und Befehle hinausging. Er habe mit seinem Beitrag nicht nur andere Soldaten in den Schatten gestellt, sondern auch Personal, das im Rang über ihm stand, betont General Austin Scott Miller in seinem Nominierungsschreiben. Nemi sei ein leuchtendes Beispiel dafür, wie eine Mission ausgeführt werden könne, fährt der Oberbefehlshaber der Mission „Resolute Support“ fort. „Seine Energie und sein Enthusiasmus beim Ausführen seiner Pflichten haben sämtlichen Vorgesetzten in der Befehlskette gezeigt, dass sie ihm anspruchsvolle Aufgaben anvertrauen konnten, im Wissen, dass diese zur vollsten Zufriedenheit ausgeführt werden“, heißt es weiter in dem Schreiben.
In einem mit hohen Offizieren besetzten Hauptquartier habe sich Nemi stets für Aufgaben empfohlen, die weit über seine eigentliche Mission hinausgingen, unterstreicht General Miller, der unter anderem dessen Mehrsprachigkeit lobt. Als Fahrer im Hauptquartier der TAAC-Norden („Train Advice Assist Commands“) habe er sich auch mit anderen Militärs, Mitgliedern der Lokalbevölkerung sowie VIP-Gästen unterhalten und somit einen positiven Eindruck hinterlassen. Darüber hinaus habe es der Luxemburger geschafft, sich Respekt bei den Einheimischen zu verschaffen, die im Hauptquartier arbeiteten. Auch habe er seine Freizeit genutzt, um anderen Soldaten oder Zivilisten im Camp neue Sprachen beizubringen, so Miller. Mit seinem Einsatz habe er sich unabdingbar und unersetzlich gemacht.

Als Luxemburger im Rampenlicht

Lob, das runter geht wie Öl. Doch Jean-Gabriel Nemi bleibt auf dem Boden: Er sei nun mal Soldat und habe das umgesetzt, was er bei der Luxemburger Armee gelernt habe, erklärt der junge Mann. Er habe nur sein Bestes gegeben. Aber: „Natürlich bin ich stolz auf die Auszeichnung“, gibt er zu. Vor allem weil er damit das Großherzogtum adäquat vertreten konnte. „Mit unserer Luxemburger Uniform sind wir im Ausland so etwas wie Botschafter des Landes“, weiß der 23-Jährige. Wegen der Größe der Luxemburger Kontingente falle man bei solchen Missionen zusätzlich auf. „Im Kosovo waren wir noch zu 24, doch in Afghanistan waren nur noch zwei Luxemburger Soldaten vertreten“, erklärt Nemi. Das mache es einerseits einfacher, mit einer guten Arbeit zu glänzen, andererseits aber stehe man umso mehr im Rampenlicht.
Er selbst sei froh, mit dem guten Beispiel vorangehen zu dürfen. „Ich bin zwar der erste Luxemburger mit dieser Medaille, aber sicher nicht der letzte“, ist sich der Soldat sicher. Dabei vergisst Nemi aber nicht, im Interview auch jene Personen hervorzuheben, die ihm stets zur Seite standen. Als da wären seine Familie und seine Verlobte. „Sie hat mich die ganze Zeit unterstützt“, sagt Nemi. Erwähnt aber wird auch das zweite Mitglied des letzten Luxemburger Kontingents, das von Oktober 2018 bis Februar 2019 an „Resolute Support“ teilgenommen hat: Adjudant-Major Marc Meyers. Der Unteroffizier habe ihm stets den Rücken gestärkt und sei als Vorbild mit dem guten Beispiel vorangegangen.
Tatsächlich war Nemi ursprünglich als Loadmaster für Flugzeuge vorgesehen. Ausgebildet wurde er vor der Mission im Laden von Cargo-Flugzeugen. „Soldat Nemi aber war flexibel genug, an Ort und Stelle eine neue Mission zu übernehmen“, erklärt Lieutenant-Colonel Lesch. Auch wenn er die eigenen Aufgaben herunterspiele, so habe er als junger Fahrer im Hauptquartier viel Verantwortung übernehmen müssen. So musste Nemi nicht nur Offiziere fahren, sondern auch Premierminister, Präsidenten und andere hochrangige Gäste.

Die erste Medaille links ehrt Nemis Beteiligung an den Luxemburger Missionen im Kosovo und in Afghanistan, die zweite seinen verdienstvollen Einsatz für die NATO. Daneben die zwei NATO-Medaillen für die erwähnten Missionen sowie die Medaille der Marche de l'Armée.

Zuverlässig und krisensicher

„Als Fahrer in einem Krisengebiet muss man seine Routen und Fluchtwege auswendig kennen. Die Person auf der Rückbank muss sich 100-prozentig auf den Fahrer verlassen können, vor allem im Fall von Angriffen“, erklärt der Luxemburger Offizier. Tatsächlich habe man als Fahrer eines VIPFahrzeugs eine Zielscheibe auf der Motorhaube: „Man muss nicht drei und drei zusammenzählen können, um zu wissen, dass sich die wichtige Person in der Mitte der Fahrzeugkolonne befindet, flankiert von gepanzerten Fahrzeugen“, ergänzt Nemi. „Für Aufständische ist es eine große Ehre, eine solche Attacke ausführen zu können.“
Passiert ist aber nichts. Auch habe er nie eine Panne mit seinen Fahrzeugen gehabt, erklärt Nemi stolz. Für ihn seien seine zwei Auslandsaufenthalte eine lehrreiche Erfahrung gewesen. „Wir gehen ja nicht als Touristen in eine solche Mission, sondern bestens ausgebildet“, betont er. „Wir sehen aber, wie es wirklich ist im Land. Nicht das, was viele Medien uns vorspiegeln.“ Die Missionen haben ihn denn auch charakterlich gezeichnet: „Sie haben mir die Augen geöffnet. Ich bin ehrfürchtiger geworden. Außerdem weiß ich zu schätzen, was wir hier in Europa haben“, so der junge Soldat.

Ebenbild einer modernen Armee

Sein Vorgesetzter geht noch einen Schritt weiter: „Hätten wir nur so Soldaten wie Nemi, wären wir als Offiziere überflüssig“, sagt Lieutenant- Colonel Lesch. Der junge Mann führe seine Arbeit stets mit dem nötigen Ehrgeiz und Einsatz aus. „Mit viel Stolz, Gewissenhaftigkeit und der nötigen Bescheidenheit“, so der Offizier. Als Sohn eingebürgerter Eltern sei Nemi ein Ebenbild der modernen, multikulturellen Armee. Jean-Gabriel Nemi sieht es ähnlich: Er habe viel Glück gehabt und wolle nun eine Familie gründen und dem Luxemburger Staat dienen. „Ob nun in der Armee oder vielleicht später beim Zoll …“, das lässt der 23-Jährige vorerst noch offen.

Von Eric Hamus (Wort)

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