Maßarbeit

Samedi 22 juin 2019

Maßarbeit

Blitzblank die Stiefel, die Orden an die Brust geheftet: Die Militärparade zu Ehren des Großherzogs ist jedes Jahr ein Höhepunkt des Nationalfeiertags. Welche Uniform Offiziere und Soldaten zu welchen Einsätzen tragen, ist genau geregelt. Um die feinen Details, aber auch schnelle Hilfe mit Nadel und Faden bei kleinen Malheurs, kümmern sich die Schneiderinnen aus der Logistikeinheit der Armee.

Uniform nach Maß

Blitzblank die Stiefel, die Orden an die Brust geheftet: Die Militärparade zu Ehren des Großherzogs ist jedes Jahr ein Höhepunkt des Nationalfeiertags. Welche Uniform Offiziere und Soldaten zu welchen Einsätzen tragen, ist genau geregelt. Um die feinen Details, aber auch schnelle Hilfe mit Nadel und Faden bei kleinen Malheurs, kümmern sich die Schneiderinnen aus der Logistikeinheit der Armee.
Text: Uli Botzler

Adjudant-Major Paul Reiser, Adjudant  de Corps de l’Armée, in der Kleiderkammer der Armeekaserne auf dem Herrenberg.
Fotos: Pierre Matgé

Bitte genau hinsehen beim Aufmarsch der Einsatztruppen bei der Militärparade zum Nationalfeiertag. Da ist 2019 ein besonderes Accessoire zu entdecken: der neue Gürtel in den Farben des Hauses Nassau. Er ist ab sofort offiziell für alle Dienstgrade einheitlich. Als Grundfarbe wurde Orange gewählt, kombiniert mit blauer Einfassung an den Rändern. Diese Farben entsprechen denen des Herrscherhauses. Neu wird auch bei der Sommeruniform das Halstuch sein: nicht mehr blau, sondern ebenfalls orange-blau.
Von einer Änderung der Uniform im großen Stil, wie sie noch anfangs angedacht war, geht keine Rede mehr. „Die Vorschriften für die Uniformen werden derzeit überarbeitet“ erklärt  Adjudant-Major Jos Bredimus, Adjudant de Corps du Centre militaire. „Stoff und Schnitt bleiben wie sie sind. Änderungen betreffen nur einzelne Details, wie etwa den Gürtel.“ Allein die Optik spielt bei solchen Entscheidungen nie die Hauptrolle. Es geht auch um Aspekte wie Bestellmengen, Abnahmepreis und Vorratsbestand, sprich Finanzen. „Wir vereinfachen und vereinheitlichen damit den Einkauf und die Lagerung dieses Bestandteils der Uniformen“, sagt Jos Bredimus.

Regelwerk für die korrekte Uniform

Mitunter führen auch ganz praktische Überlegungen zu Änderungen. So erwägt man die Hosenbeine nicht mehr hochgerollt zu langen Kampfstiefeln zu tragen, weil sie beim Marschieren gern ungleich verrutschen, was den Einheitslook der Kompanie stört. Gleichzeitig würde dann auch die Anschaffung speziell dieser Stiefel entfallen, die längst im Ausland eingekauft werden müssen, da es keine Handwerker mehr in Luxemburg gibt, die Schuhe herstellen. Der bei der Armee beschäftigte Schuster fertigt selbst kein Schuhwerk an, sondern erledigt Reparaturen oder sorgt im Einzelfall bei Komfortproblemen für die ideale Anpassung.
41 Seiten umfasst das aktuelle Règlement de l‘Armée zum Thema „Uniformes et tenues“. „Es sind bis ins Detail festgelegte Vorschriften, zu welchem Moment Kappe oder Mütze getragen werden“, erklärt Adjudant-Major Paul Reiser, Adjudant de Corps de l’Armée. An alles ist gedacht, sogar an Kurzarm-Hemden für Armeeangehörige im Bürodienst. Klare Vorschriften gibt es auch, wann welche Abzeichen getragen werden dürfen. Es gibt solche für die jeweilige Einheit, in der man dient, „doch hier streben wir auch eine Vereinheitlichung an“, erklärt Bredimus. Individuell erworben werden im Laufe der Jahre Verdienstabzeichen für sportliche Leistungen und besondere Ausbildungen, etwa im Fallschirmspringen. Je nach Anlass kommen Dienst- und Verdienstkreuze hinzu.

Liane Flammang und Stefania Mariani (r.), Zivilangestellte der Armee in der Logistikabteilung,
ermitteln mit Hilfe eines 3D-Scanners über 100 Körpermaße eines jungen Rekruten, um ihn optimal einzukleiden.

Kurz vor Nationalfeiertag herrscht stets großer Andrang im Logistikzentrum bei den Näherinnen in der Schneiderei. Sie reparieren kleine Schäden an Abzeichen und reihen sie ordnungsgemäß an einer Spange auf, die an der Uniformjacke in Brusthöhe dann nur noch durch zwei kleine Stoffschlaufen gesteckt werden muss.
Jeder Neuankömmling bei der Armee landet bei Stefania Mariani und Liane Flammang in Unterwäsche erst einmal im 3-D-Scanner. 30 Sekunden lang wird er von vier Kameras vermessen. Über 100 individuelle Körpermaße landen so in seinem Datenvermerk. Das erleichtert und beschleunigt die exakte Auswahl in der Kleiderkammer, in der für die Zeitsoldaten der Seesack mit der Erstausstattung gefüllt wird.

Adjudant-Major Jos Bredimus, Adjudant de Corps du Centre militaire, wacht mit über die Einhaltungen der Dienstvorschriften zu Uniform und Erscheinungsbild  
beim Militär. Eine Naht am Hut ist lose: Armee-Schneiderin Christiane Peltier behebt schnell das kleine Malheur.

Flecktarn mit Luxemburger Motiv

Sie kümmern sich auch darum, dass die Kleiderkammer stets gut gefüllt ist. Auf langen Regalen stapeln sich dort Jacken, T-Shirts, Pullover, Hosen, Handschuhe, Socken, Helme, Jogginganzüge und Unterwäsche. „Wir lassen uns in 1000er Einheiten pro Artikel beliefern, da wir so viele verschiedene Größen benötigen“, erklärt Stefania Mariani. Unter den Rekruten sind genau so zierliche Frauen wie Hünen mit Gardemaßen, wobei die gängigsten Größen eher S und M sind. „Die mit dem Scanner ermittelten Werte helfen uns auch, wenn es schnell gehen muss, etwa bei der Ausstattung eines Soldaten für einen Einsatz“, sagt die Mitarbeiterin der Armee.  
In dieser Kleiderkammer gibt es für alle Klimazonen und Landschaftsverhältnisse die passende Ausstattung: ultraleichte, aber extrem wärmende Riesen-Ponchos in Schnee-Camouflage-Design für ein Manöver am Nordkap genauso wie Moskitonetze und Kampfmontur in einer Tarnvariante aus beige-braunen Tönen.
Was das Muster des Luxemburger Feldanzugs angeht, so ist Liane Flammang überzeugt: „Wir haben das Schönste.“ Der Pigmentverlauf sei fließend, die Fleckengröße perfekt, das Muster nicht gepixelt. Ein besonderes Detail sticht beim Design nicht sofort ins Auge: der Fleck, der die Umrisse des Landes hat. Aber wer ein wenig sucht, findet ihn: Alle 60 Zentimeter taucht er auf dem Drillichstoff auf, aus dem Luxemburgs Kampfanzüge gefertigt werden.
Zivilisten ist das Tragen dieses Feldanzugs verboten; zerschlissene Teile werden sogar eigens geschreddert, um nicht in unbefugten Besitz zu gelangen, – eine Ausnahme gibt es aber: „Muckel“ darf sich darin zeigen. Das Schmusetier nähen die Schneiderinnen von Hand und kleiden es als Mini-Soldat ein. „Kinder, von denen ein Elternteil für Monate im Auslandseinsatz ist, bekommen es zusammen mit einem Buch geschenkt, das ihnen altersgerecht die Mission der Armee erklärt“, erzählt Monique Hoffmann. 
Die Kleidung der Soldaten ist immer ein Ausdruck von bestehenden Gesellschaftsformen und deren Normen. Sie spiegelt nicht nur die Garderobe einer Epoche wieder, sondern gibt auch Hinweise auf den Stellenwert der Armee. 1309 taucht erstmals der Begriff „vestita uniformis“ in Zusammenhang mit den 400 Rittern auf, die Herzog Friedrich von Österreich nach Speyer begleiteten. Dabei ging es im Wesentlichen um eine „einheitliche Kleidung“ in Bezug auf Schnitt, Farbgebung und Ausstattung. Uniformen waren nach der Römerzeit nicht mehr die Normalität gewesen.
Im Mittelalter trugen die Landsknechte das, über was sie gerade verfügten. Manchmal wurden sie jedoch durch den Kriegsherrn, dem sie gerade dienten, Uniform ähnlich eingekleidet. Daher stammt die Redewendung „wessen Rock ich trag, dessen Fahn ich ehr“. Erst im 18. Jahrhundert erfolgte durch das Anlegen von „Libereyen“, „Livreen“ oder „Monturen“ die Nutzung gleichförmiger Kleidungsstücke in Armeen, die damit zugleich auch die Staatsmacht nach außen repräsentieren.

Die orange-blaue Kordel dürfen Soldaten als äußeres Zeichen der Armee-zugehörigkeit erst tragen, nachdem sie die viermonatige Grundausbildung erfolgreich absolviert und ihren Eid abgelegt haben.

Die Uniformen der ersten Stunde

„Als Großherzogin Charlotte am 14. April 1945 aus dem Exil heimkehrte, erwartete sie ein Ehrenspalier beim Palast, das zwar aus Luxemburgern bestand, aber britische Uniformen trug“, erzählt Benoît Niederkorn, Kurator des Militärmuseums von Diekirch. „Denn die Luxemburger hatten damals weder eine eigene Armee noch eigene Uniformen.“ Doch gab es die Luxemburger Freiwilligen-Kompanie in der Zeit von 1881 bis 1940. Aus ihren Reihen fanden sich die Männer, die Garde standen für Großherzogin Charlotte. „Einer von ihnen, Aloyse Schiltz, war in höchster Eile nach Antwerpen gereist und hatte dort bei den Briten Uniformen erworben“, erklärt der junge Militärhistoriker.  

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, am 30. November 1944, führte Luxemburg dann die allgemeine Wehrpflicht ein und gründete seine erste eigene Armee, mit zwei Infanterie-Bataillonen und der „Compagnie de la Garde grand-ducale“. Die ersten Uniformen für seine Soldaten, rund 2150 Männer, bezog Luxemburg aus Großbritannien. Es handelte sich um jenen „Battle Dress“, in dem schon Prinz Jean als Mitglied der „Irish Guards“ aktiv für die Befreiung seiner Heimat an der Seite der Alliierten gekämpft hatte.

Den Feldanzug in Flecktarn gibt es auch in einer beige-braunen Version für Auslandseinsätze in trockenen Klimazonen. Immer zu sehen im Stoffdesign: Der Fleck mit  
den Umrissen des Großherzogtums.

Noch jahrelang lieferten britische Textilproduzenten der Luxemburger Armee ihren dicken, regenfesten Stoff. „Im Koreakrieg kämpften Luxemburger Soldaten in belgischen Uniformen, auf die in Schulterhöhe auf einem Ärmel „Luxembourg“ aufgenäht worden war“, berichtet der Museumsdirektor. Ab den 1950ern bis in die 1970er Jahren wurden einheimische Firmen wie die Armeeschneiderei von François Heynen in Esch/Alzette und die Textilmanufaktur Ginter in Fels zu Hauptlieferanten. 1967 endete die Wehrpflicht, in Folge schrumpfte die Zahl der Soldaten, Luxemburgs Textilfabriken verschwanden. Uniformbestellungen wurden an ausländische Lieferanten ausgelagert.

Auch die Anordnung der individuell erworbenen Orden und Ehrenzeichen auf der Bandschnalle folgt präzisen Armeevorschriften.

Für jede Gelegenheit und jeden Dienstgrad gibt es die passende Uniform, immer mit präzise festgelegten Kennzeichen und Abzeichen.

Im Lauf der 1960er und 70er Jahre erfuhren die Luxemburger Uniformen immer wieder kleine Änderungen. Dabei lassen sich Einflüsse anderer Länder feststellen. So ist die tägliche Dienstuniform in Kaki von der US-Armee inspiriert, die Sommeruniform eher vom französischen Militär, während bei der Paradeuniform der britische Stil blieb. „Die Armee muss mit der Zeit gehen, nicht der Mode wegen, sondern aus technischen und praktischen Gründen“, so Niederkorn. Etwa, wenn neue Waffen angeschafft werden, Platz für Munition in der Kleidung vorhanden sein muss.
„Alle zehn bis 15 Jahren lassen sich leichte Veränderungen bei den Uniformen beobachten“, so der Museumsdirektor. So sei anfangs der militärische Dienstgrad unten am Ärmel aufgenäht worden, ab 1955 dann am Arm auf Schulterhöhe, mal links, mal rechts, mal beidseitig. Was wie ein geheimer Code wirkt, ist auch einer. „Im Detail des Abzeichens liegt dann der Unterschied, der signalisiert, wer einem gegenübersteht“, erklärt Niederkorn.

Die Armee muss mit der Zeit gehen, nicht der Mode wegen, sondern aus technischen und praktischen Gründen.
Militärhistoriker  Benoît Niederkorn,  Leiter des Militärmuseums in Diekirch, über den Wandel von Uniformen  im Lauf der Geschichte

Wenn die Armee bei der Militärparade ihr Schaulaufen der Stärke absolviert, sei dies nicht nur ein Spektakel für die Massen, sondern auch der Moment, an dem der Staatschef seine Truppen mustert. „Großherzog Jean beispielsweise, Soldat durch und durch, hat da stets sehr genau hingesehen und jede noch so kleine Abweichung an der Uniform bemerkt“, verrät Niederkorn. Bei der Militärparade 2019 wird aber sogar Laien auffallen, dass etwas anders ist: der Gürtel.

Schaustücke einer Vitrine mit Luxemburger Uniformen im Militärmuseum in Diekirch: Jedes Kleidungsstück erzählt davon, zu welchem Einsatz es getragen wurde.

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