Offenes Ohr für Soldaten

Vendredi 10 mai 2019

Rund um die Uhr erreichbar, Stütze in schweren Stunden, Trost und Rat in allen Lebenslagen: Aumônier Nicolas Wenner dient den Angehörigen der Armee, wie auch der Polizei, mit ganzem Herzen, hört zu bei Nöten und spendet jedem Zuspruch. Er ist aber auch spiritueller Begleiter der Soldaten, feiert Messen, pilgert mit ihnen und nimmt auf Wunsch Taufen wie Hochzeiten und Beerdigungen vor.

Als Seelsorger begleitet Aumônier Nicolas Wenner seit 23 Jahren Soldaten wie Polizisten in ihrem Alltag. Die Armee beschäftigt derzeit rund 1000, die Polizei knapp 2200 Mitarbeiter.

Es war ein sehr trauriger Tag, als Aumônier Nicolas Wenner den Gedenkgottesdienst für die zwei Unteroffiziere des Kampfmittelräumdienstes hielt, die im Februar 2019 durch eine tragische Granatenexplosion im Munitionslager ums Leben gekommen waren. „Luc und Mike, sie fehlen uns so, die Trauer um sie ist so groß. Wir ringen noch um die Akzeptanz des Verlusts. Es ist ein langer Weg“, bekennt der Militärgeistliche noch Wochen danach. In so Momenten hadere auch er kurz mit dem Herrgott, sagt der Geistliche, der seit 23 Jahren im Dienst der Kirche an der Armee steht. „So etwas ist schwer zu ertragen. Aber der Glaube trägt mich, wenn das Schicksal so zuschlägt.“

Dass er keine leichte Aufgabe als Seelsorger für Armee und Polizei übernehmen würde, wusste Nicolas Wenner, der 1991 zum Priester geweiht wurde, aus Gesprächen mit seinem Amtsvorgänger Gustave Weis. Denn der Umgang mit Leid und Tod gehört zum Alltag von Sicherheitskräften. „Militär und Polizei haben durch ihre Funktion den Auftrag, dem Frieden zu dienen – auf nationaler wie internationaler Ebene. Sie sind berufen, das Land zu verteidigen und die Gesellschaft vor jedweder Form von Angriffen oder Gesetzesbrüchen zu schützen“, erklärt Nicolas Wenner.

Mehr als andere Berufsgruppen sähen sie sich dabei in ihrem Beruf mit Not und Gewalt konfrontiert. Stets müssten sie darauf gefasst sein, extreme Situationen zu bewältigen, Momente tiefster Trauer und Todesfälle in den eigenen Reihen zu verkraften. Derlei Ereignisse führen oft zu existenziellen Fragen über das Leben, den Tod und das Böse. Kernaufgabe der Seelsorge für Angehörige von Armee und Polizei ist es, im Dienst dieser Menschen zu stehen, ihnen moralische und menschliche Unterstützung sowie spirituelle Begleitung anzubieten. „Dies nicht nur zu festen Bürostunden, sondern rund um die Uhr“, betont Nicolas Wenner. Der „Padre“, wie er sich selbst nennt, ist immer erreichbar. „Ich bin einer von ihnen, in ihrer Mitte, immer mit ihnen, immer für sie da.“

Im Angesicht des Todes

Mit seiner Aufgabe, die ihm als langfristiges Engagement vom Generalvikar angeboten worden war, identifiziert er sich so, wie auch Armee- und Polizeiangehörige ihren Beruf ausüben müssen: als Dienst in ständiger Rufbereitschaft. Das harte Militärleben kennen gelernt hat der Aumônier, der den Dienstgrad Lieutenant-Colonel trägt, nach seiner seelsorgerischen Sonderausbildung in Frankreich bei gleich zwei mehrmonatigen Auslandsmissionen: 1996/97 in Bosnien sowie 2000 im Kosovo. Um so besser weiß er heute, von was ihm Soldaten berichten, wenn sie das vertrauliche Gespräch mit ihm suchen. „Sie respektieren und akzeptieren mich, weil ich selbst erlebt habe, was der Dienst an der Waffe bedeutet.“

Die Daseinsberechtigung der Militär- und Polizeiseelsorge, die vom Erzbistum finanziert wird, beruht darin jedem, unabhängig von Religion und persönlichem Glauben, die Möglichkeit zu bieten, mit seinen Fragen Gehör sowie menschliche und, falls gewünscht, spirituelle Begleitung zu finden. Dies sei auch ein wichtiger Beitrag, den Zusammenhalt im Korps zu stärken, so der Aumônier.

Absolute Verschwiegenheit

„All diese Gespräche fallen unter die Verschwiegenheitspflicht des Berufsgeheimnisses, sogar unter das Beichtgeheimnis und damit unter das Recht der Aussageverweigerung“, betont der Geistliche. „Alles, was Militär- oder Polizeiangehörige dem Seelsorger im Gespräch mitteilen, bleibt absolut vertraulich.“

Da auch die Familienangehörigen die besonderen Lebensbedingungen des Polizeiund Militärdienstes mittragen müssen, drehen sich viele der vertraulichen Gespräche, die Nicolas Wenner führt, auch um persönliche Sorgen. Oft geht es darum, Ehen und Partnerschaften zu stärken, das Thema Fernbeziehung anzusprechen bei jenen, die auf Mission ins Ausland gehen. Manchmal ist es auch Heimweh, das Rekruten in den ersten Monaten plagt.

Wer sich Aumônier Nicolas Wenner anvertraut, kann sicher sein, dass er nichts weiter erzählt. Es gelten Verschwiegenheitspflicht und Beichtgeheimnis.

Eine wichtige Rolle des Seelsorgers sind regelmäßige Besuche bei Kranken und Verletzten. Er begleitet sie in diesen schwierigen Zeiten und unterstützt auch ihre Angehörigen. Immer wieder ist er dabei auch mit dem Tod eines Mitglieds der „großen Familie“ befasst, wie der Militärgeistliche die Armee auch gern bezeichnet. Es sind Selbstmorde darunter, Unglücksfälle, Verkehrsopfer, an Herzinfarkt Verstorbene. Ihnen allen erweist der Aumônier die letzte Ehre, spendet den Hinterbliebenen Trost. Er übermittelt aber auch jedem, der längst aus dem aktiven Dienst ausgeschieden ist, und einen Todesfall in der Familie hat, schriftlich sein herzliches Beileid. Diese Geste findet er selbstverständlich, „denn wir sind und bleiben alle eine große Familie“.

Daher wird er auch gerufen, um der Beerdigung von Familienangehörigen von Armeebediensteten vorzustehen. Andere bitten ihren „Padre“, sie zu trauen oder ihre Kinder zu taufen. „Im Rahmen des mir zeitlich Möglichen übernehme ich dies alles gerne“, sagt Nicolas Wenner, der zu all den Aufgaben auch noch Unterricht in der Armee im Rahmen der Grundausbildung hält.

Schneiderin Monique Hoffmann zeigt Aumônier Nicolas Wenner den Entwurf einer neuen Stola. Immer darauf zu sehen ist das eigene Wappen des Militärseelsorgers, so auch auf einer Tischdecke in seinem Dienstzimmer.

Die neuen Rekruten kennen zu lernen, mit all ihren Träumen und Idealen, begeistert ihn immer wieder aufs Neue. „Das ist so positiv ansteckend“, sagt er. „Ich bin gerne einer, der sie motiviert und bestärkt, ihren Weg zu gehen.“ Besonders am Herzen liegen ihm jene, die es nicht leicht bis dahin im Leben hatten, für die der Dienst in der Armee oder auch Polizei eine Chance sei, ihren Platz an der Seite jener zu finden, die diese Gesellschaft besser machen.

„Es gibt nichts Schöneres, als dem eine Stütze zu sein, der zu kämpfen hat, um sein eigenes Ziel zu erreichen“, sagt Nicolas Wenner. Dass er sich wohl fühlt unter jungen Menschen, sie gern auf ihren Weg ins Leben begleitet, weiß er aus seiner Zeit als junger Kaplan in Echternach, wo er als Lehrbeauftragter am Lycée unterrichtet hatte und als Aumônier im Internat St. Willibrord wohnte. „Die Arbeit als Militärgeistlicher habe ich auch deshalb übernommen, weil ich weiterhin mit der Jugend arbeiten konnte. Denn es ist eine gute Jugend, die wir haben, eine mit einem guten Herzen.“

Der Aumônier hat für jeden einen positiven Spruch, ein aufmunterndes Lächeln und nach einer anstrengenden Prüfung in voller Kampfmontur auch mal einen Schokoriegel für die Rekruten parat.

Wo die Rekruten sind, ist auch ihr Militärseelsorger: Hier bei der Essensausgabe (großes Foto) nach einer Übung in Tarnuniform und voller Kampfmontur. Später verteilt Nicolas Wenner zur Aufmunterung noch Schokoriegel.

Ein guter Hirte

Katholiken unter den Soldaten bietet der Seelsorger an, mit ihm ihren Glauben zu feiern und im Entdecken ihrer Spiritualität Stärkung für ihr Leben zu finden. Jährlich zum 11. November, Tag des Schutzpatrons der Armee, des Heiligen Martin, gedenkt das Armeekorps seiner Verstorbenen, ob aktiver Dienst oder Ruhestand. Gemeinsam pilgert der Seelsorger mit Soldaten, dies im Rahmen der Oktave oder der Internationalen Militärwallfahrt nach Lourdes. „Wer dort zusammen für den Frieden gebetet hat, begegnet sich fortan anders“, ist Nicolas Wenner überzeugt.

„Der Seelsorger bringt den Frieden des Herzens inmitten aller Wirrungen dieser Welt.“ Aumônier Nicolas Wenner über seinen Beruf, der für ihn eine Berufung ist.

Gern organisiert er zudem jedes Jahr für Armee und Polizei eine schon zur Tradition gewordene Wallfahrt nach Rom, seine alte Studienstadt, „in der kenne ich noch ein paar besonders schöne Ecken“. In seinem Büro hängen viele Fotos und Karten, die an diese gemeinsamen Reisen erinnern. In der Ecke lehnt auch ein hölzerner Stab. „Den bekam ich nach meiner Mission in Bosnien von meinen Soldaten, weil ich ihnen ein guter Hirte war“, erzählt der Aumônier lachend. Ihn habe diese liebe Geste sehr gefreut.

Die Gefahr, in einem Beruf zu verhärten, der einem so oft vor Augen führe, was in der Gesellschaft los sei, sieht der Seelsorger bei Polizisten wie bei Soldaten. Gerade deshalb ist es ihm wichtig, wirklich immer, wenn sie ihn brauchen, für sie da zu sein. „Ich nehme auch nachts Gespräche am Handy an.“

Text: Uli Botzler • Fotos: Chris Karaba

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