Potenzial fördern: Neue Rekrutierungskriterien bei der Armee

Mercredi 04 mars 2020

Wer sich für den Armeedienst verpflichten will, muss fortan keinen schriftlichen Test mehr bestehen. Dafür wird bei der Musterung verstärkt auf Motivation und Potenzial geachtet.

Montagmorgen, 6.30 Uhr in Diekirch. 41 Rekruten machen sich bereit für den zweiten Sporttest ihrer viermonatigen taktischen Grundausbildung. Schwimmen noch vor dem Frühstück, dann Sprinten, Seilklettern, Rumpfbeugen, Laufen und Klimmzüge.

Sie wissen, dass dieser Test auch dafür entscheidend sein wird, ob sie im April als die 36. Partie als Armeevolontäre vereidigt werden oder nicht. Entsprechend zeigen sie sich diszipliniert und motiviert – auch wenn offensichtlich ist, dass der Sport einigen leichter fällt als anderen.

Sie haben die Halbzeit ihrer Instruction de base erreicht. 32 ihrer Kollegen haben seit ihrem Antritt am Herrenberg am 6. Januar das Handtuch geworfen.

Sie sind aber auch die Letzten, die noch mit den nunmehr alten Rekrutierungsvorgaben eingestellt wurden. Denn die Armee hat diese grundlegend gelockert – auch um sich an die Herausforderungen der Zeit anzupassen. Bislang stellte nämlich ein Theorieexamen in Deutsch, Französisch, Luxemburgisch und Rechnen die erste Hürde für die Zulassung dar, an der dann auch bereits die Hälfte der Kandidaten scheiterte.

Diese Tests wurden nun komplett abgeschafft. Kandidaten, die zur Armee passen „Wir waren der Meinung, dass uns dadurch wohl auch Kandidaten entgangen sind, die vielleicht trotzdem ganz gut zu uns gepasst hätten“, sagt Lieutenant-Colonel Joel Faltz, der Personalchef der Armee. „Und wir sind dann zum Schluss gekommen, dass wir die Leute vielleicht nicht mehr auf das bewerten sollen, was sie vorher gelernt haben, sondern uns mit ihrem Potenzial auseinandersetzen.“

So gebe es sicher junge Menschen, die ihre Schule nicht mit guten Resultaten abgeschlossen haben, aber dennoch hoch motiviert seien. „Wenn diese sich dann in einem Umfeld befinden, das ihnen gefällt und in dem sie sich wiederfinden, dann engagieren sie sich und bringen gute Ergebnisse“, bekräftigt Joel Faltz.

Im Gegenzug zum Wegfall der theoretischen Hürde setzt die Armee nun vermehrt auf psychologische Tests, welche die Motivation widerspiegeln und so das Potenzial erkennen lassen.

Demnach wird auch hier nicht nur der Ist-Zustand bewertet, sondern ausgelotet, was in Zukunft vom Kandidaten gefordert werden kann. Dabei stehen kognitive Fähigkeiten, etwa Logik und Flexibilität beim Denkvermögen, im Mittelpunkt, dazu emotionale Stabilität, Motivation und Realismus. 

Auch der Sporttest kann beliebig wiederholt werden. Wer diesen nicht gleich beim ersten Mal besteht, der kann erneut antreten und bekommt sogar von den Sportbetreuern der Armee ein individuelles und auf die bestehenden Schwächen ausgerichtetes Vorbereitungsprogramm zusammengestellt. Für Rückfragen bleiben die Betreuer zudem verfügbar.

„Eigentlich sind es keine Höchstleistungen, die wir in diesem Test verlangen“, führt Joel Faltz aus. „Es ist aber das Mindestniveau, das wir brauchen, damit der Kandidat nach der viermonatigen Grundausbildung die Basisaufgaben eines Soldaten erfüllen kann.“ Im Prinzip verpflichtet sich ein Volontär für drei Jahre Militärdienst und ein Jahr Rekonversion.

Eine für Joel Faltz bedeutende Änderung betrifft die Rekrutierungstermine. „Früher mussten die Kandidaten bis zu vier Monate warten, bis sie wussten, ob sie als Armeevolontär zugelassen werden oder nicht“, gibt der Personalchef der Luxemburger Streitkräfte zu bedenken. „Jetzt reicht es, zum Informationsbüro am hauptstädtischen Boulevard Royal zu kommen, und binnen zwei bis vier Wochen kann alles geklärt sein.“

Es gebe einen Termin für den Sporttest und das Gespräch mit dem Psychologen an einem Tag und am nächsten folgen medizinische Tests und das Motivationsgespräch. Könne ein Kandidat in einem Bereich nicht überzeugen, werde dies auch gleich in einem konstruktiven Debriefing besprochen.

Armee bietet sichere Perspektiven

Perspektiven biete die Armee trotz der Abschaffung des Vorzugsrechts in den Staatsverwaltungen derzeit so viele wie nie zuvor, betont Joel Faltz. „Der Staat rekrutiert sehr viel und auch da, wo es einen Dienst in Uniform gibt, wird massiv ausgebaut. Wer die schulischen Voraussetzungen erfüllt und sich dann bei Polizei, Corps grand-ducal d'incendie et de secours (CGDIS), Zoll oder Gefängnisverwaltung gut verkauft, den können wir auch ganz sicher dort unterbringen.“

Aber auch in anderen Verwaltungen, bei Gemeinden und im Privatsektor würden die in der Armee vermittelten Softskills sehr geschätzt: „Pünktlichkeit, Manierlichkeit, Freundlichkeit, Pflichtbewusstsein, saubere Haltung und Kleidung“, zählt Joel Faltz auf.

Die Armee biete aber auch die Möglichkeit, eine schulische Bildung bis zur 3e zu absolvieren – und für diejenigen, die einen Sekundarschulabschluss oder ein Universitätsstudium belegen wollen, auch individualisierte A-la-Carte-Angebote.

„Wir suchen junge, motivierte und dynamische Leute, die etwas erleben wollen“, unterstreicht Lieutenant Colonel Faltz abschließend. „Junge Menschen, die mehr sein und werden wollen, als sie bis jetzt sind, und die sich sagen: Ich will etwas für mein Leben und auch für mein Land tun.“

Wenn Rekruten fehlen

Dass die Armee ihre Aufnahmekriterien zeitgemäßer gestaltet und gar lockert, geschieht nicht ohne Grund. Um optimal funktionieren zu können, sollten jährlich rund 150 Volontäre vereidigt werden. Von 2015 bis 2018 waren es aber durchschnittlich nur rund 120. Im Jahr 2019 waren es gar nur 78. Das bleibt nicht ohne Folgen.

„Verschiedene Aufgaben können nicht mehr so erfüllt werden, wie das wünschenswert wäre“, bedauert Personalchef Lieutenant-Colonel Joel Faltz. „Es fällt für die einzelnen Armeeangehörigen mehr Arbeit an und Überstunden bleiben nicht aus.“

Schwierigkeiten bereitet auch die hohe Abwanderungsquote bei den Rekruten, die über einem Drittel liegt. „Die meisten davon gehen zurück zur Schule“, erklärt Faltz. „Was an sich eine gute Sache ist, wenn der kurze Aufenthalt bei der Armee sie dazu motivieren kann, aber wir würden die Leute dann doch lieber an uns binden.“

Deshalb setze man bei der Rekrutierung nun auch den Akzent auf die Motivierung. „Frage dich, was die Armee für dich bedeutet, was es für dich bedeutet, Soldat zu sein!“, betont Faltz. Es gebe eigentlich kaum eine falsche Antwort auf diese Frage. Das Problem sei, für viele überhaupt eine zu finden. Für den, der sie gefunden habe, sei das Soldatenleben dann auch nicht mehr schwer.

Luxemburger Wort

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